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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Grimsvötn scheint Musik zu lieben

Man mochte kaum an einen Zufall denken, als vor Tagen in Island der Vulkan Grimsvötn ausbrach und den Flugverkehr erneut durch eine vagabundierende Aschewolke beeinträchtigte: Vor einem Jahr war es der Eyjafjallajökull, der das Gastspiel von Menahem Pressler verhinderte. Doch Grimsvötn scheint Kammermusik zu lieben – und der Pianist konnte ungehindert anreisen.

Mozarts Es-Dur-Quintett KV 452, Brahms‘ a-moll Trio op. 114 sowie das bekannte „Forellenquintett“ A-Dur D667 von Schubert waren Mittelpunkt eines Meisterkurses Presslers, an dessen Ende Konzerte mit Stipendiatinnen und Stipendiaten in Mainz, Edenkoben und Schloss Engers standen.

Auch mit 88 Jahren ist der Künstler noch aktiv. Was ihn jung hält, ist offensichtlich und hörbar: die Musik, das Beschäftigen mit dem Klang und der Austausch über diese Kunst. Dass er sein Wissen vor allem auch gerne an folgende Generationen von Musikern weiter gibt, zeigte auch eben jener Meisterkurs, den Pressler jetzt mit herausragenden jungen Künstlern absolvierte.

Den Namen Presslers hat man auch nach der Auflösung des legendären Beaux Art-Trios noch im Ohr. Über 50 Jahre lang spielte sich das Trio in verschiedenen Besetzungen mit seinen vor allem romantischen Programmen in die Herzen der Musik-Liebhaber. Spiritus rector des Ensembles war bis zum letzten gemeinsamen Konzert am 23. August 2009 der Pianist Menahem Pressler.

Die eigene Sammlung klassischer CDs oder Schallplatten muss übrigens gar nicht so umfangreich sein, um mindestens eine der über 60 Einspielungen mit diesem Klaviertrio zu finden das zu den bedeutendsten Ensembles seiner Art weltweit gehörte. In diesem Falle sind es die Brahms-Trios – eine Aufnahme aus dem Jahr 1979. Neben Pressler spielen Bernhard Greenhouse (Violoncello) und George Pieterson (Klarinette): eng miteinander verwoben sind die einzelnen Instrumente, bilden eine glatte Einheit, die durch die musikalischen Individuen zuweilen vital aufgeraut wirkt. Mit kräftigem, stets wohl dosiertem Anschlag agiert Pressler und es macht richtig Spaß zu hören, dass Presslers Spiel nichts von seiner Intensität verloren hat.

Pressler auf CD – und live im Konzert. Noch immer versprüht er die Energie, die auch die ZEIT verspürte, als sie über die Abschiedstournee schrieb: „Er schaut, er atmet, er spricht ohne Worte. Den Mund hat er geöffnet, die Lippen bewegen sich, sein ganzes Gesicht spricht, jeder Muskel, bis zu den Augenbrauen“, konnte man da im Feuilleton der Wochenzeitung lesen: „Und während weiche, klare Töne aus dem Steinway steigen, ist seine Aufmerksamkeit ganz bei den beiden Musikern, die vor dem Flügel sitzen, keine ihrer Bewegungen entgeht ihm.“

Es ist diese unbedingte Hingabe an die Musik und das Ensemble gleichermaßen, die das Beaux Art Trio so lange zusammenhielt und vom einstmals als „poor man’s orchestra“ belächelten zum bis heute am längsten bestehenden Ensemble seiner Art machte. Hierzu sagte Pressler in einem Interview: „Wenn wir zusammen spielen, geschieht etwas ganz Besonderes. Die Chemie stimmt, dieses Gefühl für Inspiration.“ Wer sich nicht in ein Ensemble einfüge, so Pressler weiter, könne sich auch nicht tief in ein Kunstwerk einfühlen. Dass der Pianist im Trio stets Primus inter Pares ist, ist für ihn daher auch weniger Versuchung als Herausforderung: „Es ist nicht das Werk, das Dich verschönert wie ein Kleid, sondern Du als Diener verschönerst dieses Werk.“

Das sagt Menahem Pressler, der als Max Jacob Pressler am 16. Dezember 1923 in Magdeburg als Sohn eines jüdischen Textilhändlers geboren wurde. Im Mai 1939 flüchtete die Familie vor den Nationalsozialisten nach Italien und von dort weiter nach Palästina. Allein der Name Menahem hat schon Symbolkraft, heißt die Übersetzung des hebräischen Wortes doch in etwa „Der, der tröstet“: „Wenn ich spielte, wenn ich nur übte, entkam ich dadurch der Realität, die mich umgab. Und das war meine Rettung“, erzählte der Pianist einmal, wie er auf den aufkommenden Antisemitismus reagierte. Das Tröstende kann man auch heute noch in seinem Spiel spüren.

Nach der Flucht setzte Pressler die bereits begonnene Ausbildung zum Pianisten fort und ging 1940 in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo er, gerade mal 17 Jahre jung, seine Solokariere als Preisträger des 1. Internationalen Debussy-Wettbewerbs in San Francisco startete.1956 erfolgte der Ruf, als Professor an der School of Music der Indiana University in Bloomington zu unterrichten. Ein Jahr zuvor war Pressler erstmals als Pianist des Beaux Art-Trio aufgetreten, dem er über 50 Jahre lang die Treue hielt.

Außerdem debütierte er mit dem Philadelphia Orchestra unter der Leitung von Maestro Eugene Ormandy. Der überaus große Erfolg dieses Engagements führte zu Solo-Auftritten mit den größten Orchestern Amerikas und Europas. Auf seinen ausgedehnten Konzert-Tourneen spielte Pressler unter anderem mit dem New York Philharmonic Orchestra, dem Cleveland Orchestra, dem National Symphony Orchestra in Washington D.C., den Israelischen und den Londoner Philharmonikern sowie den Orchestern von Pittsburgh, Dallas, San Francisco, Paris, Brüssel Oslo, Helsinki und anderen renommierten Klangkörpern.

Menahem Pressler hat also allen Grund dazu, auf das Erreichte stolz zu sein. Und doch erlebt man in Interviews einen bescheidenen Menschen, der statt des lauten Akkords lieber einen leisen Dreiklang anschlägt. In der Wochenzeitung Jüdische Allgemeine erzählte er beispielsweis über seine Lehrtätigkeit: „Ich genieße es zu unterrichten, ich unterrichte aus Liebe“, bekennt der Musiker dort und nennt seine Schüler gerne „Geisteskinder“, über die er augenzwinkernd sagt: „Oft stehen sie mir näher als meine eigenen Kinder, denn sie tun, was man sagt.“

Der Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse sowie Ehrenbürger der Stadt Magdeburg und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz entfacht auch heute noch Begeisterungsstürme – egal, wo er auftritt. Dabei verspricht die Berliner Konzert-Direktion Hans Adler bei Weitem nicht zu viel, wenn sie über ihren Klienten sagt, Menahem Pressler vermittele „mit unbändigem Temperament und nie nachlassender Frische die entscheidenden Impulse zu höchster kammermusikalischer Meisterschaft“. Seine eminente musikalische Präzision und Kenntnis der Klavier- und Kammermusikliteratur begründeten dabei sein außerordentliches Renommee: „Presslers überwältigendes musikalisches Wissen, sein Temperament sowie sein feinsinniges Spiel machen ihn sowohl als Solisten wie auch als Kammermusiker zu einem der angesehensten Künstler und zu einem der gefragtesten Lehrer der Welt.“

Keine Frage: Diesem Pianisten merkt man sein mittlerweile hohes Lebensalter noch nicht an. Gegenüber dem „Tagesspiegel“ lüftete der weltweit gefragte Künstler einmal das Geheimnis seiner guten Kondition: „Ich laufe von Gate 15 nach Gate 20 oder von Terminal E nach Terminal B. Wenn die Zeit knapp ist, muss ich ganz schön pusten.“ Wenn Eyjafjallajökull, Grimsvötn & Co ihn denn lassen, kann es schon mal passieren, dass Pressler wegen der Zeitverschiebung an einem Tag zwei Mal auftritt, erst in Honkong und dann in Pittsburgh: „Ich spiele und spiele – das hält mich fit. Mein Arzt sagt: Der liebe Gott hat Dich vergessen“, erzählt Pressler. Da hofft man fast, er möge sich so schnell nicht erinnern…

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