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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Erinnern Sie sich noch an Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer, Urmel oder die Blechbüchsenarmee?

Markus Dorner ist einer von bundesweit über 400 professionellen Puppenspielern. Puppenspieler? Ja, Puppenspieler. Sofort beginnen in der Erinnerung Großmutter, Kasperle und das Krokodil oder Urmel und Ping Pinguin von der Augsburger Puppenkiste zu tanzen. Dabei hat die klassische Marionette eigentlich schon lange ausgedient, erzählt der Mann hinter dem Vorhang…

Manchmal macht die Hintergrundrecherche für eine Reportage so gar keinen Spaß. Und zwar genau dann, wenn der Gesprächspartner einem sämtliche Klischees und sprachlichen Bilder, die sich in seinem Fall anbieten, von vornherein aus dem Block streicht: Sie stimm(t)en einfach nicht (mehr). Also wird es nichts mit dem „Strippenzieher“, der „alle Fäden in der Hand hält“, mit einem Künstler, der „bis in die Puppen schlafen“ darf, diese wortwörtlich tanzen lässt und der seinen Beruf „spielend“ ausübt, ja dessen Bühnenpartner ihm ohne Widerrede zu Willen sind, wie Marionetten eben.

Im Gespräch mit Markus Dorner wird schnell klar: Seine Tätigkeit als Puppenspieler hat zwar auf den ersten Blick einen recht romantischen Anstrich. Doch unter der bunten Farbe verbirgt sich ein anspruchsvoller Job. Aber auch eine zauberhafte Tätigkeit. Und so viel Arbeit, dass man wirklich alle Hände voll zu tun hat. Natürlich auch ein künstlerisches Wirken, das einem eine besondere Nähe zum Publikum bietet und das einen vollkommen ausfüllt, sind die technischen Details erst mal geklärt und man sich ganz seinem aus Kindertagen bewahrten Spieltrieb hingeben kann.

Puppenspieler – ist das tatsächlich ein richtiger Beruf zum Broterwerb? Aber ja doch: Dass sich das professionelle Puppentheater längst zu einem Metier mit fundierter Ausbildung entwickelt hat, beweisen nicht nur die Existenz eines eigenen „Berufsverbandes der deutschen Puppenspieler e.V.“ sondern vor allem auch entsprechende Ausbildungsstätten wie die Schauspielschule Ernst Busch in Berlin mit einem diplomierten Lehrgang oder die freie Bildungsstätte für Figurentheater Hof Lebherz bei Hannover für die berufliche Weiterbildung.

Markus Dorner erlebte seine Lehrjahre beim bekannten „Hohnsteiner Puppentheater“ von Harald Schwarz, seine Ehefrau Eleen am Düsseldorfer Theater von Hans Houben. Die Ausbildung beinhaltet in der Regel die Mitarbeit an einer Produktion, um die Interpretationsmöglichkeiten von verschiedenen Figuren und Rollen, den Berufsalltag sowie die Anforderungen an feste Bühnen oder an ein Tourneetheater kennenzulernen.

Wann genau seine Affinität zum Puppenspiel erwachte, weiß Dorner heute gar nicht mehr. Die Initialzündung jedoch erhielt seine Leidenschaft im Internat des Windsbacher Knabenchors, wo er gemeinsam mit Schulkamerad Bernd Lang seine ersten Schritte als Puppenspieler machte, die die beiden schließlich bis ins erste eigene Theater „Kaspari“ vor Ort führten. Heute leitet Markus Dorner gemeinsam mit seiner Frau die „Dornerei“ in Neustadt. Gespielt wird hier im Mußbacher „Herrenhof“. Derzeit arbeitet man an zwei Inszenierungen für Erwachsene: „Don Camillo & Peppone“ sowie „Harald & Maude“.

Allerdings sind die Dorners nur selten zuhause: Fast immer steht der gepackte Koffer im Flur, denn das Ehepaar geht leidenschaftlich gerne auf Tournee. Jedes Jahr sind sie „on the road“ und legen durchschnittlich 80.000 Kilometer zurück: „Das Schöne daran ist, dass man als Puppenspieler eigentlich überall arbeiten kann. Wir sind gerne unterwegs und gerne in anderen Städten zu Gast“, erklären die beiden Puppenspieler. Die Tournee ermöglicht es ihnen auch, flexibel auf die jeweilige Umgebung und auf ein immer wieder neues und ganz unterschiedliches Publikum zu reagieren.

Der Alltag eines Puppenspielers richtet sich in erster Linie nach den Vorstellungen und lässt sich ansonsten nur schwer beschreiben: Jeder Tag ist anders, ein festes Zeitgerüst fehlt. Doch vermisst wird das von Markus Dorner keinesfalls: „Heute ist anders als morgen: Heute spiele ich um 10 Uhr vor Kindern in Kaiserslautern und morgen habe ich um 20 Uhr eine Vorstellung in Osnabrück.“

Wenn die Dorners nicht auf Tournee sind und Markus seine Aufgaben als Leiter des PuK, des Museums für Puppentheaterkultur in Bad Kreuznach erledigt hat, ist das Arbeitspensum ebenfalls enorm: Dann gilt es Stücke zu schreiben und an deren Inszenierung zu arbeiten, da wird an der Bühne gewerkelt und an Kostümen genäht, werden Puppen gebastelt oder umgearbeitet. Und natürlich muss für ein Theater wie die „Dornerei“ auch noch die ganze Verwaltung erledigt werden. Trotzdem schätzt Markus Dorner die Freiheit des selbständigen Künstlers: „Man hat alles in der Hand.“

Alles in der Hand hat Markus Dorner tatsächlich, wenn er als Puppenspieler seinen Auftritt hat. Es gibt Handpuppen, Handstab- und Klappmaulfiguren sowie Stab- und Tischfiguren, um nur einige Ausdrucksformen des Puppentheaters zu nennen. Die klassische Marionette ist nach den Worten Dorners übrigens eine aussterbende Spezies. Auch gibt es verschiedene Bühnenformen vom klassischen Guckkasten bis zur offenen Spielweise. Und auch audio-visuelle Medien haben hier längst Einzug gehalten.

Markus Dorner schätzt am Puppentheater das „andere Publikum“, das bei weitem nicht nur aus Kindern besteht, um mit einem weiteren Klischee aufzuräumen. „Wobei Kinder natürlich ein wunderbares Publikum sind“, sagt der Familienvater, der das Puppentheater für einen schönen Einstieg in die Welt der Bretter, die ja bekanntlich die Welt bedeuten, hält. Der Genuss komme fast von selbst, wenn man mehrere Stücke gesehen und die Unterschiede der Präsentation kennengelernt hätte. „Das kann einen dann richtig packen“, weiß Dorner aus Erfahrung, wenn aus Zufallszuschauern richtige Fans des Puppentheaters werden.

Und das hat dann seinen Grund: Wortwörtlich geht der Puppenspieler einen Schritt auf sein Publikum zu, nimmt Kontakt zu ihm auf. Die Zuschauer selbst fühlen sich wiederum mit dem Puppenspieler und dem Geschehen auf der Bühne verbunden, so dass ein ständiger Austausch zwischen Spieler und Zuschauer existiert: „Ich stehe also quasi immer mit einem Bein im Publikum und genieße es, nicht nur für, sondern auch mit ihm zu spielen“, beschreibt Markus Dorner die Faszination. Das Stück wachse somit immer noch ein Stück weiter.

Eine Gemeinsamkeit mit dem klassischen Theater ist die Arbeitsteilung zwischen Spieler und Regisseur. „Beim Puppentheater hat eigentlich jeder Regisseur auch Erfahrungen als Puppenspieler“, erklärt Markus Dorner, der beide „Welten“ kennengelernt hat. Er selbst fühlt sich jedoch eher hinter dem Vorhang wohl: „Während der Arbeit an einem Stück ist die Aufgabe des Regisseurs ja ganz schön, aber nach der Premiere fährt man dann nach Hause und hat eigentlich nichts mehr davon.“ Erfahrungen als Regisseur sammelte Dorner unter anderem mit der Inszenierung der „Zauberflöte“ im staatlichen Puppentheater in Lodz, wo 20 Spieler Mozarts Oper in polnischer Sprache auf die Bühne brachten – das Werk wurde hierfür eigens übersetzt und eingerichtet.

Was das Puppenspiel vom „Fleischtheater“ unterscheidet, sind für Markus Dorner die Vielfalt und -schichtigkeit, die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Figuren: „Die Puppe ist in meinen Augen universeller als der Bühnenschauspieler. Ich drücke mich ja nicht persönlich, sondern durch das Medium der Figur aus. Außerdem darf die Puppe natürlich viel mehr als beispielsweise ein Kabarettist. Durch sie kann ich eleganter agieren und mir mehr herausnehmen, denn ihr nimmt man nichts übel.“ Und eine Puppe kann natürlich viel mehr, zum Beispiel fliegen.

Ein weiterer markanter Unterschied zum Menschen- und Schauspieltheater ist, dass im Puppentheater keine Einzelrollen besetzt werden; nicht selten übernimmt hier eine Person sogar gleich mehrere Partien. Der Spieler sucht sich sein Thema und geht es an, wodurch die Identifikation mit den darzustellenden Gestalten natürlich intensiver erlebt wird: „Während des Theaterstücks erschaffe und beherrsche ich ja einen kleinen Kosmos“, sagt Markus Dorner und sieht das für sich durchaus als eine Art Katharsis: „Puppenspieler sind in meinen Augen ausgeglichenere Menschen.“ Und das ist für den Beruf sicherlich hilfreich, denn oft muss man gleichzeitig Bühnentechnik und Ablauf im Griff haben: „Da habe ich eine Hand an der Puppe, mit der anderen wird ein Instrument gespielt und per Fußschalter Licht und Ton bedient.“ Ein Multitalent hinterm Vorhang eben.

Was sich für den Laien wie der pure Stress anhört, ist für Markus und Eleen Dorner jedoch eine Art Lebenselixier: „Unsere Arbeit macht am meisten Spaß, wenn die Präsentation eine gewisse Leichtigkeit gewonnen hat.“ Richtig schön werde es erst, wenn man frei von den technischen Abläufen denke und spiele: „Dann kann ich mich richtig auf die Handlung und ihre Charaktere einlassen“, sagt Markus Dorner. Und seine Augen leuchten dabei.

Informationen zum Puppentheater Dornerei gibt es im Internet unter www.puppentheater-dornerei.de.

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