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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Steinway – ein Name, der klingt

Ausgerechnet in seiner Küche fertigte ein gewisser Heinrich Engelhard Steinweg, seines Zeichens Tischlermeister, 1836 einen Flügel. Seinen ersten Flügel. Und damit den ersten „Steinway“. Heute ist der Name Synonym für Präzision und Vollkommenheit, was Bau und vor allem Klang angeht. In allen großen Konzertsälen der Welt ist er mittlerweile zuhause, der Steinway.

Es vergingen 14 Jahre, bis Heinrich Engelhard Steinweg mit seiner Familie in Übersee sein Glück versuchen wollte. Weitere Jahre später gründete der mittlerweile als Henry Engelhard Steinway bekannte Klavierbauer zusammen mit seinen Söhnen jene Firma, die bis heute einen klingenden Namen hat: Steinway & Sons. Schnell machte er die Runde: 1855 erfolgte die erste offizielle Anerkennung der hohen Qualität auf der „American Institute Fair“ im New Yorker Kristallpalast und 1867 fand das Unternehmen Erwähnung im offiziellen Bericht der Pariser Weltausstellung. In den Folgejahren eröffnete man ein Geschäft in London und gründete die Steinway-Fabrik in der Hamburger Schanzenstraße.

Ein Zeitsprung befördert uns in das Hamburg von heute. Hier, Am Rondenbarg 15, gegenüber der mittlerweile dort etablierten Flügel- und Klavier-Fabrik, steht das Steinway-Haus, wo sich 2009 Kalle Randalu, Pianist, Dozent, Primus des Ensemble Villa Musica und Stellvertretender Künstlerischer Leiter der Landesstiftung an einen Flügel der D-Serie setzte: 274 cm lang, 157 cm breit und etwa 480 kg schwer ist dieses Instrument das Flaggschiff der Marke Steinway. Es galt, einen solchen für den Diana-Saal von Schloss Engers, dem Sitz der Stiftung, auszusuchen.

„Natürlich den Anfang von Brahms‘ zweitem Klavierkonzert, ein paar Chopin-Etüden, Passagen aus Schuberts G-Dur-Sonate und das Stück ‚1982‘ meines Landsmannes Leposuma“, kommt es wie aus der Pistole geschossen auf die Frage, was Randalu beim „Flügel-Casting“ gespielt habe. Wichtig war für den gebürtigen Esten, dass er auf jedem Instrument „richtig“ gespielt und es nicht nur angetestet habe. „In der ersten halben Stunde war ich richtig verblüfft und ein bisschen ratlos“, erinnert er sich: „Jeder Steinway-Flügel hat seine eigene Note, Klangfülle, ja Persönlichkeit.“ Viel Handarbeit stecke in diesen Instrumenten: „Und viel Natur“, sagt Randalu fast ein bisschen ehrfürchtig.

Während des Probespiels habe er dank der wachen Ohren seiner Begleiter, Villa Musica-Geschäftsführer Dr. Karl Böhmer und Peter Stieber, Leiter des Bereichs E-Musik SWR2, „persönlichen Kontakt“ zum neuen Flügel aufnehmen können – und so, wie Randalu davon spricht, glaubt man ihm unbenommen: „Der Steinway D hat viel Kraft und Volumen. Doch ist es genauso wichtig, ein Piano, einen sanften Klang spielen zu können.“ Gerade für die Interpretation der Kammermusik oder den Liedpianisten sei die Dimension der Klangqualität unglaublich wichtig. „Und dieser Flügel ist fantastisch geeignet – ein Glücksfall, Kategorie besonders gelungen“, freut sich der Pianist über diesen Steinway, ein Werk des Marktführers, der laut Randalu „auch inhaltlich führend“ ist.

Heute steht dieses Instrument also im Diana-Saal von Schloss Engers. Es ist eines von sieben Modellen aus dem Hause Steinway, die unterschiedlichen Anforderungen gerecht werden. Der kleinste Steinway-Flügel, der S-155, ist gerade mal 155 cm lang, 146,5 cm breit und „nur“ rund 252 kg schwer. Und trotzdem hat er Volumen und Klangfarbe, die Ihresgleichen in dieser „Gewichtsklasse“ suchen. Je länger die Saiten und je größer der Resonanzboden, umso höher ist auch die klangliche Flexibilität. Und so wachsen von Modell zu Modell die tonalen Entfaltungsmöglichkeiten, die Skala der Klangnuancen und Dynamiken vom weichen Piano bis zum mächtigen Forte, vom klaren Diskant zum kraftvollen Bass.

Alle haben schon auf einem Steinway gespielt und das virtuelle Gästebuch, das Steinway & Sons auf ihrer Website zur Einsicht aufschlägt, beinhaltet die großen Namen der Klavierszene vergangener und heutiger Tage. Bei Komponisten wie Interpreten war und ist der Steinway beliebt: Johannes Brahms, Franz Liszt, Sergej Rachmaninov schätzen die Vorzüge ebenso wie Arthur Rubinstein und Vladimir Horovitz. In der Tat besitzt ein Steinway einen Nimbus, der Künstlerinnen und Künstler von Format stets ins Schwärmen geraten lässt: „Die Flügel von Steinway sind die besten der Welt“, sagt der Pianist Maurizio Pollini und wenn man Billy Joels „Fantasies & Delusions“ op. 1-10, die er im Jahr 2001 für das Label Sony einspielte, lauscht, stimmt man seinem Lob gerne zu: „Schon lange bewundere ich die Steinway-Instrumente für ihre einzigartigen Eigenschaften: Klangschönheit, Klarheit, Stimmhaltung, Anschlag und außergewöhnliche Handwerksarbeit.“

Gefragt nach den Vorzügen eines Steinway antwortete Daniel Barenboim, dass ihm die guten Eigenschaften dieser Instrumente „völlige Unbefangenheit, all mein musikalisches Empfinden durch das unvergleichliche Instrument ausdrücken zu können“, gebe. Und für Martha Argerich übt ein Steinway „manchmal eine seltsame Stimmung aus; er spielt dann besser als der Pianist – und das ist eine wunderbare Überraschung.“ Die Jazz-Pianistin Diana Krall schätzt es als „Privileg und Ehre“ ein, auf einem Steinway zu spielen und für Alfred Brendel sind einfach „Musizieren und Steinway eins“.

Jeder Steinway wird nach strengsten Qualitätskriterien gefertigt. So finden vor allem sieben Merkmale höchste Beachtung: Alle verwendeten Materialien sind bestens geeignet, die entstehenden Schwingungen zu optimieren, um – hier verwendet das Unternehmen selbst einen kantigen Begriff – höchste Klangausbeute zu garantieren. Da Material, das unter Spannung verarbeitet wird, ein weitaus besseres Schalldurchlaufverhalten aufweist, geht man beim Bau eines Steinway den gleichen Weg. Hierbei kommt ausschließlich Vollholz, also natürlich gewachsenes Holz, zum Einsatz. Geachtet wird besonders auf den einheitlichen Faserverlauf, da auch er wichtig für das Schwingungsverhalten des späteren Instruments ist.

Schrauben finden sich im Gehäuse eines Steinway übrigens keine: Da sie den Schwingungsverlauf unterbrechen würden, verwendet das Unternehmen nur Holzverbindungen. Das Gehäuse selbst dient als Klangkörper – innen und außen in einem Gang in bis zu 20 Hartholzschichten verpresst. Größte Sorgfalt wird auch auf den Resonanzboden verwendet, dessen Konstruktion alle wesentlichen Grundlagen der Akustik beinhaltet. Auch hier ist Flexibilität, vor allem in den Endbereichen, gefragt, was eine optimale Bandbreite der Dynamik gewährleistet.

Kein anderes Klavierbauunternehmen hat im Laufe seiner Geschichte derart viele Patente erworben wie Steinway & Sons: bis heute mehr als 120! In jeder Generation wirkten kreative Geister, die die Entwicklung der Instrumente bis heute positiv beeinflusst haben. Das erste Steinway-Patent wurde 1857 erteilt: Es betraf die Flügelmechanik und hatte die Nummer 17238. Kaum ein Jahr verging, dass das Unternehmen nicht vorstellig wurde: Flügelgehäusekonstruktion, Hammerfilz-Klammern, Pedalsystem, Hochfrequenz-Formung, Rückenresonanzboden – alle Patente zusammengenommen dürften wahrscheinlich eine passable Bauanleitung für einen Flügel ergeben.

Und eine solche schwirrte auch Chris Maene im Kopf herum, als er sich daran machte, die legendäre „No. 1“, jenes in der Küche der Familie Steinweg entstandene erste Instrument, nachzubauen. Selbst autorisierter Steinway-Händler, Restaurator von Ruf und begnadeter Klavierbauer stellte Maene im November 2006 nach zweijähriger Arbeitszeit ein Replikat jenes archetypischen „Küchenflügels“ fertig. Schon seit Kindertagen hatten ihn die Steinway-Instrumente fasziniert – vor allem jedoch die No. 1 aus Seesen.

2004 bekam er als erster Klavierbauer von Steinway & Sons die Genehmigung zur Rekonstruktion dieses Instruments: Genauestens wurde das Original, das in der Steinway-Fabrik im New Yorker Stadtteil Queens steht, untersucht; von diesem historischen Instrument wurden auf digitalem Wege detaillierte Skizzen erstellt; anhand von Röntgenbildern machte sich Chris Maene ein genaues Bild vom Inneren des No. 1, das aufgrund der Verleimung bisher verborgen geblieben war.

Anhand dieses Wissens wurden Konstruktionspläne des Gehäuses und des Saitenverlaufs gefertigt. Selbstverständlich begutachtete der Klavierbauer auch das seinerzeit verwendete Holz, um dem individuellen Klangcharakter nachzuspüren. Basierend auf der Zählung der Jahresringe wurde eine dendrochronologische Untersuchung durchgeführt, die auch Aufschluss über die Holzarten und Ablagerungszeiten gab. Nach 2000 Arbeitsstunden präsentierte Maene der Musikwelt schließlich das perfekte Replikat des legendären „Küchenflügels“.

Von der No. 1 bis heute hat Steinway & Sons mehr als 586000 Flügel gefertigt. Über 1000 Mitarbeiter wirken an der Fertigstellung dieser hervorragenden Instrumente in den Fabriken in Hamburg und New York. Jährlich werden etwa 3000 Flügel und 600 Klaviere produziert.

Im Gegensatz zum hellbraunen No. 1-Nachbau zeichnen sich die Steinway-Instrumente durch ihren seidenschwarz glänzenden Piano-Lack aus. Sie ziert – oberhalb der Tastatur – der in schlichtem Gold gehaltene Schriftzug Steinway & Sons unter einer stilisierten Lyra. Deren Erfindung wird wiederum dem Götterboten Hermes zugeschrieben. Lauscht man dem unvergleichlichen Klang eines Steinway, ahnt man, warum die Wahl ausgerechnet auf dieses Logo fiel…

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