Start

Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

Service

» Journal

Aufflammendes Streichholz und Pferdesattel?

Bis tief in die Nacht hat Petra Binz-Lockenvitz von der Wein-Fachzeitschrift „Selection“ mit ihrem Team Flaschen entkorkt: Über 2000 Weine – Kreszenzen der Burgunder-Familie und Tropfen aus Franken – stehen an den folgenden zwei Tagen in der Nackenheimer Carl Zuckmayer-Halle zur Verkostung an.

Wohlgemerkt: Verkostung, nicht Weinprobe. Der Unterschied ist das Anliegen: Will ein Winzer mit einer Weinprobe für seine Rebensäfte werben, geht es bei einer professionellen Verkostung darum, dass Fachmänner und -frauen die zu testenden Weine blind probieren: Die Flaschen sind mit einer Art Wollsocke überzogen, bekannt sind den Probanten nur das Anbaugebiet, die Rebsorte und Ausbaustufe, zu bewerten hingegen das Aussehen (Klarheit und Eindeutigkeit), der Geruch (Reintönigkeit, Intensität und Qualität) und der Geschmack des Weins (hier kommt zu den eben genannten Kriterien noch die Länge dazu).

„Selection“-Chefredakteur Peter Cech erläutert die Regularien: Bewertet wird nach einem 100 Punkte-System: Die Höchstzahl gibt es für Weine „von internationaler Spitzenklasse“, 95 bis 99,99 Punkte bekommen „herausragende Weine, außergewöhnlich und von vielschichtiger Tiefe“ und 90 bis 94,99 „ausgezeichnete Weine, die besonders bemerkens- und empfehlenswert“ sind. „Sehr gut“ sind Weine, die 85 bis 89,99 Punkte erzielen – sie erhalten drei Sterne und sind die Tropfen, die noch im Heft „Selection“ veröffentlicht werden. Was nur noch „gut“ ist, also 80 bis 84,99 Punkte bekommt, fällt hinten runter – Weine mit niedrigerer Punktezahl sowieso.

Was bringt eine solche Verkostung eigentlich? Und wem? Eine Antwort gibt Julia Metzler, die die Degustation als amtierende rheinhessische Weinkönigin mit ihrer Anwesenheit beehrt: „Wir haben hier vielfältige Weine und vielfältige Juroren, deren Urteil für die Kunden, die ihren Wein kaufen, eine hilfreiche Richtlinie darstellt.“ Die in „Selection“ präsentierten Weine sind demnach in gehobenen Fachgeschäften zu erstehen – und auch, wenn man in der Auflistung der mit drei, vier oder fünf Sternen auszeichneten Tropfen mitunter eine Anzeige des beprobten Weines findet, ist die Bewertung der Juroren doch objektiv.

Wie das? Ist das Urteil des Einzelnen nicht eher subjektiv? Natürlich – aber aus der Summe der Bewertungen ergibt sich dann eine objektive Meinung: Hat der Wein bereits einen Alters-Ton? Schmeckt man grünen Apfel, Sternfrucht, Mango oder Papaya? Moussiert der Tropfen angenehm frisch? Wirkt er belebend? Hat er eine „angenehme Nase“? Oder kommt der Geschmack eher ausdruckslos daher, bleibt nur für kurze Zeit am Gaumen haften und verflüchtigt sich zu schnell? Schmeckt der Wein gar sauer oder bitter? Aberwitzige und doch immer wieder gerne zitierte Aromen wie das aufflammende Streichholz, nasse Hundefell oder der Pferdesattel werden übrigens nicht genannt.

Die Juroren – neben dem Autor die Winzerin Sandra Sauer aus dem fränkischen Eschendorf, Weinkenner Manfred Binz, die Kellermeister Christian Frieß und Thomas Weltner sowie der Weinbaustudent und Winzersohn Raphael Büscher – sind sich meistens einig über die zu verkostenden Weine; nur selten kommt es zu großen Differenzen in den Bewertungen. „Es ist sinnvoll, wenn an einem Tisch Juroren mit verschiedenem Hintergrund sitzen“, erklärt Peter Cech die Zusammensetzung der Teams.

Kellermeister Weltner ist an diesem Tag auch „Tischmeister“, trägt die einzelnen Bewertungen in Listen ein, kommentiert gut bewertete Weine und errechnet den entscheidenden Mittelwert: „Man sollte vor allem die positiven Seiten des Weins hervorkehren“, meint er. Und immer wieder kommt es vor, dass die Juroren einen bereits bewerteten Wein nachkosten und von den Urteilen der Kollegen angeregt ihre eigene Meinung nach unten oder oben revidieren.

Insgesamt sind es rund 150 Gäste, die an verschiedenen Tischen sitzen und Weine probieren; pro Tisch werden in etwa vier Stunden 50 bis 70 Weine degustiert und bewertet. Zum Neutralisieren steht Wasser und Weißbrot bereit. Ohnehin schluckt man bei einer Verkostung den Wein nur selten herunter, sondern spuckt ihn in bereitstehende Gefäße, deren Inhalte engagierte Helfer des „Selection“-Teams immer wieder entleeren und so in großen Eimern eine phantasievolle Cuvée zum Entsorgen in die Küche tragen…

zurück