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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Musik mit Echtheitszertifikat

MAINZ (17. Oktober 2016). 30 Jahre sind die „Wellküren“ nun schon alt. Nein, das ist kein guter Einstieg. Viel besser klingt – und richtiger ist: Seit 30 Jahren stehen die „Wellküren“ auf den deutschsprachigen Kleinkunstbühnen ihren Mann und färben sie mit bayerischem Dialekt und handgemachter Musik zünftig ein. Auch im Unterhaus machten sie jetzt Station auf ihrer Jubiläumstour und schlugen das Publikum mit ihrer ganz speziellen „Stubenmusik“ in ihren Bann.

Ob der Funke überspringt, merken Moni, Burgi und Bärbi schon nach dem ersten Lied. In Mainz begann dieses „Feuer“ sofort zu prasseln, loderte den Abend über in hellen Flammen und spendete dem Publikum auch auf dem Nachhauseweg noch wärmende Glut, so laut hallten die witzigen wie bissigen und immer mit ganzem Herzen intonierten Gesänge des Trios nach.

Die drei gehören zur Sippschaft der Familie Well, wo Musik schon immer ganz groß geschrieben wird. Ihr entstammen insgesamt 15 Geschwister, darunter die einstigen „Biermösl-Blosn“, heute in leicht veränderter Besetzung als „Well-Brüder“ unterwegs. Und in diesem „klingenden Stammbaum“ stehen eben auch die Namen der „Wellküren“, von denen sich Vroni nach 18 Bühnenjahren (ohne Streit) trennte und nach familiärem Casting durch Bärbi ersetzt wurde: Sie spielt Harfe und Tuba, Burgi Gitarre und Posaune, Moni Hackbrett und Saxophon. Und alle singen.

Das Jubiläumsprogramm besteht wie ein bunt geschmückter Weihnachtsbaum aus verschiedenen Gstanzln, jenen bayerischen Spottgesängen in Reimform, die die „Wellküren“ im klassischen Dreigesang vortragen. Themen finden sich im persönlichen Umfeld wie in der großen, zumindest aber bayerischen Politik: Kochen, Schönheitswahn, Leitkultur und „hormonelle Demenz“ bei Männern, Seehofer, Söder und Syrien – auch in den Zwischenmoderationen sind die drei dank geschwisterlicher Gruppendynamik unschlagbar.

Zugegebenermaßen zwingt einen der Dialekt zu erhöhter Wachsamkeit, damit einem keine der in vokale Tracht gehüllten Spitzen entgeht; aber Zuhören lohnt sich: Vor allem Monis Tirade gegen diejenigen, die heute „Wir sind das Volk“ skandieren, ist grandios: „Wenn manche Haare auf den Zähnen haben, hat bei Frauke Petry jeder Zahn eine eigene Frisur“, schüttelt sie sich vor echter Empörung. Da hilft eben nur noch „Stugida: Stubenmusik gegen die Idiotisierung des Abendlandes“.

Dass die „Wellküren“ mit ihrer Kunst die Tradition der Volksmusik abseits atemloser Nächte mit Helene Fischer oder tausend Lügen von Andrea Bergs jeweiligem Lebensabschnittsgefährten pflegen, verleiht jeder Vorstellung eine ganz eigene Spannung: Hier kommt nichts aus der Konserve, hier ist alles echt. Was man serviert bekommt, ist Wellness für Herz und Hörorgan, kulturelle Hausmannskost vom Feinsten, natürliche, lebendige Musik statt klingendem Silikon.

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