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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Die Dialektik des Dialekts

MAINZ (21. Mai 2014). Er kommt aus Duisburg, also aus dem tiefsten Ruhrgebiet, aus dem Pott. Aus einer Gegend, in der man eine ganz eigene Sprache spricht: Kai Magnus Sting. Deren Alpha und Omega hat der Kabarettist jetzt in seinem neuen Bühnenprogramm „Hömma, weiß Bescheid!“ zusammengefasst.

Zwischen der Ouvertüre, die die Aufmerksamkeit des Gegenübers einfordert, und der finalen Zusammenfassung des Gesagten entspinnt sich im geographischen Dreieck zwischen Duisburg, Hagen und Hamm die Unterhaltung mit einer ganz eigenen Phonetik: Hier wird der Dialekt eben ganz schnell zur Dialektik.

Kabarett mit eigenem Zungenschlag und Mundart ist derzeit ohnehin en vogue: Im Süden sind es die Mittelfranken wie Matthias Egersdörfer, im Osten sächseln sich Olaf Schubert oder die Band „Zärtlichkeiten mit Freunden“ durch ihre Programme; aber das Ruhrgebiet bringt immer noch am meisten Künstler auf die Bühne. Da ist ein Atze Schröder, ein Uwe Lyko als Herbert Knebel, da waren einst die Missfits, da ist Torsten Sträter, um nur einige zu nennen.

Und da ist eben auch Kai Magnus Sting, der humanistische Bildung noch immer an Brille und Seitenscheitel erkennt. Keine Frage, dass er diesem Ideal selbst entspricht, unterstrichen durch Anzug und Krawatte, dass man meint, einen gealterten Konfirmanden oder Vertreter der Jungen Union vor sich zu haben. Galant gewandet gleitet er dann in die Kumpelsprache ab, dass man in der Innentasche nach Helm und Grubenlampe suchen möchte.

Da wird dekliniert und konjugiert, die Steigerung von einem Chip sind Chipse, aber aus einem Butterbrot werden Schnittkes. Mit ratternder Revolverschnauze erzählt Sting seine Geschichten und nutzt gekonnt den Anakoluth: Sätze werden nicht zu Ende gesprochen, Gedankensprünge in Worte gefasst und grinsend indigniert wendet sich der Kabarettist an sein Publikum: „Sie müssen mich ja auch ausreden lassen.“

Mit dem Auditorium im Unterhaus nimmt der Künstler gerne direkten Kontakt auf, denn immer finden sich aktuelle oder einstige Landsleute im Publikum, mit denen er dann einen virtuellen Stadtrundgang durch Duisburg machen kann. Und auch seine Geschichten gleichen einem Spazieren durchs Ruhrgebiet, wenn Sting von der dort grassierenden Krankheit „Krisse“ doziert: „Krisse krisse schnell.“ Da ist Vorsicht geboten und lieber hört man auf die Warnungen der Omma, die Nichtbeachtung schnell mal mit einem „Sisse“ quittiert: „Und das hat nichts mit Karlheinz Böhm und Romy Schneider zu tun.“

„Hömma, weiß Bescheid“ beschreibt den alltäglichen Wahnsinn zwischen Telekom-Hotlines und einem tropfenden Cornetto-Eis in Essen, Wetter und Gehacktem. Durch den Dialekt aber bekommen die Pointen ihren Gout nach Currywurst mit Dosenbier wie einst beim legendären Jürgen von Manger alias Adolf Tegtmeier. Und vielleicht kann das Publikum ja den einen oder anderen Begriff verinnerlichen und anwenden, wenn die 05er in der Coface-Arena wieder mal Gegner aus Dortmund oder Gelsenkirchen begrüßen. Reden hilft – weiß Bescheid.

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