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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wache Mahner mit diabolischem Witz

MAINZ (8. Dezember 2017). Als politischer Spottgesang, sinnliches Couplet oder ironisches Moritat ist das Chanson stets den stilistischen Einflüssen der Zeit unterzogen, weswegen es sich in der Kleinkunst heute gar nicht mehr so einfach verorten lässt. Thomas Pigor und Benedikt Eichhorn haben sogar eine ganz eigene Spielart erfunden: den Salon Hip Hop.

Mit dieser vielschichtigen Mischung touren die beiden höchst erfolgreich durchs Land. Bereits 1999 erhielt das mittlerweile vielfach ausgezeichnete Duo dafür den Deutschen Kleinkunstpreis, im kommenden Jahr gibt es den „Salzburger Stier“. Damals hatten Pigor und Eichhorn ihr jeweils mit „Volumen“ durchnummeriertes drittes Programm am Start, nun spielen sie das neunte. Im Unterhaus feierte es jetzt seine Mainz-Premiere. Und es ist wieder ein richtig Gutes.

Man möchte zuerst eine Lanze brechen für den noch immer Geknechteten: Benedikt Eichhorn, der laut Plakat seit Beginn am Klavier begleiten muss. Er spielt seine Rolle als klingender Sidekick wieder grandios – und natürlich auch das Piano. In einer Zeit, in der man alle Klänge synthetisch erzeugen kann, ist ein Künstler wie Eichhorn eine ermutigende Konstante und geschmackvoll wie eigenständig das, was man in der Klassik den perfekten Liedbegleiter nennt: Mit seinen prickelnden Akkorden unterstreicht er den Inhalt der Lieder und erweist sich als leichtfüßiges Medium.

Nun aber zu Pigor, ebenfalls ein Ausbund an Kreativität, Ausdruck und Musikalität. Als omnipräsente Rampensau füllt er das Unterhaus mit seiner knarrenden Diktion: Wer wissen will, wie ein perfektes Zungen-R klingt, kommt an diesem Sänger nicht vorbei. Die Lieder erzählen vom Bärte-Zählen im „Hipster-Mekka Berlin-Mitte“, von maulenden Rentnern oder der mangelnden Intelligenz von Haustieren. Aus swingendem Jazz und dem rhythmischen Duktus des Hip Hop schlägt das Duo eine stilistische Brücke, auf der gewitzt gereimte Worte und Sätze miteinander tanzen.

Nicht nur im Radio ist Pigor seit mehreren Jahren mit dem „Chanson des Monats“ zu hören (sowie beispielsweise auf der Homepage von SWR2 abspielbar und teils mit Videos aufgepeppt) – auch im Unterhaus hat er ein paar davon dabei und erweist sich als wacher Geist, der die Zeichen der Zeit messerscharf erkennt und entlarvend auf die Bühne herunterbricht. Hier ist Pigor mitunter gnadenlos politisch, geißelt den Nationalismus oder übt originell Religionskritik. Diese Facette bekommt immer mehr Gehalt. Launiger Höhepunkt ist der Burka-Boogie-Woogie – natürlich vollverschleiert intoniert: „Auch das Kabarett gehört zu Deutschland!“

Bei SWR2 können die aktuellen „Chansons des Monats“ kostenlos heruntergeladen werden: https://www.swr.de/swr2/kultur-info/chanson-des-monats-von-thomas-pigor/-/id=9597116/did=15557698/nid=9597116/1mq2f7k/index.html.

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