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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Lustige Grenzen der Meinungsfreiheit

MAINZ – Als der Franzose Emmanuel Peterfalvi, im Fernsehen und vor allem auf Deutschlands Straßen berühmt und berüchtigt als Alfons, erstmals mit seinem Puschelmikrofon Meinungsforschung betrieb, mochte man noch nicht ahnen, welches kabarettistische Potenzial in diesem studierten Kommunikationstechniker steckte.

Unterhaltsame Eintagsfliege oder Erfinder einer neuen Kleinkunstform, die die grundgesetzlich verbriefte Meinungsfreiheit nutzt, um mit köstlichen Nonsens-Fragen und den Antworten darauf einerseits zu amüsieren, andererseits festgefügte Meinungen aber auch wortwörtlich zu hinterfragen?

Letzteres trifft zu: Ernst und Witz sind bei Alfons perfekt ausbalanciert. Wenn er neugierig über den Wochenmarkt schlendert, sieht er aus, als wäre er gerade erst aus dem Bett gefallen: wuschelig das Haar, glasig der Blick – und ein verträumtes, offenes Lächeln. Dahinter jedoch steckt ein wacher Geist, der mit subversiver Fragetechnik Ressentiments und Originalität gleichermaßen hervorzukitzeln vermag. Im Unterhaus durfte das Publikum jetzt via Filmeinspielung dabei sein – allerdings ohne des Franzosen Puschelmikrofon: „Ich hatte Angst, für einen Wettermoderator gehalten zu werden…“

„Kriegen die Deutschen zu wenig Kinder?“, fragt Alfons mit hartem Akzent und Fistelstimme: Ob man Nachwuchs mit einem Toaster oder einer Woche freiem Abo-Fernsehen prämieren sollte? Zuerst erntet er Kopfschütteln, doch bei einem Jahr Premiere stimmt die Interviewte schließlich zu. Ein anderer beteuert, er habe doch schon drei Kinder – mindestens, da er früher zur See gefahren sei. Und ein dritter meint, das Schrumpfen Deutschlands läge an den vielen Schwulen. Derselbe meint auch, dass die alleinerziehenden Mütter an allem Schuld seien – Meinungsfreiheit hat eben auch ihre Grenzen.

Köstlich hingegen ist die Reportage zur schwäbischen Kehrwoche, in der geputzt wird, auch wenn es nicht dreckig ist. Gefragt nach dem Sinn, druckst eine Dame lange herum, um schließlich die unwiderlegbare Begründung zu liefern: „Es ist halt Vorschrift.“ Mit sympathischem, selbstironischem Kokettieren nimmt Alfons stets die Schärfe aus der Würze.

Der Unterschied zur vorsätzlichen Blamage ist jedoch, dass Alfons seine Gesprächspartner vorführt, ohne sie bloßzustellen. Es sei denn, er kann Engstirnigkeit entlarven. Wenn er in der Laubenpieper-Kolonie recherchiert, findet er die Vorurteile gegenüber dem gesetzestreuen Deutschen erschreckend deutlich bestätigt und kommentiert es lax: „Ihr habt in Deutschland ein Bundeskleingartengesetz – wir in Frankreich noch nicht mal eine Straßenverkehrsordnung.“

Zwischen den Filmchen erweist sich Alfons als charmanter Conférencier mit satirischem Zungenschlag. Die Überleitungen sind gekonnt und die Beobachtungen, die der Wahl-Hamburger seit 18 Jahren in Deutschland tätigt, detailgetreu. So hat er die drei großen Traditionen in hiesigen Großunternehmen kennengelernt: „Weihnachtsfeier, Betriebsausflug und fristlose Kündigung.“

Die Reisebegleitung von Westerwelle durch seinen Lebensgefährten nennt er grinsend „spätgriechische Dekadenz“ und zum Urteil gegen den Prügelprinzen – „200.000 Euro für zwei Ohrfeigen“ – merkt er unschuldig an: „Bei solchen Preisen wäre die katholische Kirche längst pleite.“ Pointiert kommen auch seine Tagebucheinträge daher: In kurzen Worten greift er illuster aktuelle Themen auf. Von wegen unterhaltsame Eintagsfliege.

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