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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Amputation einer Lebenslüge

MAINZ (18. November 2010). „Ich regel das“ – man braucht keinen mafiosen Paten, um Probleme zu lösen. Manchmal reicht auch ein Andreas Rebers. Mit seinem aktuellen Programm zeigt er der Realität die Zähne und schlägt seine satirischen Klauen kraftvoll in den Allerwertesten der Aktualität. Aufklärung tut Not – und Andreas Rebers: regelt das.

Wobei es hierzu fast nicht hätte kommen können, denn angesichts drohender Sparmaßnahmen ließ sich der Kabarettist von McKinsey beraten. Und dort schlug man – Überraschung! – Arbeitsplatzabbau vor. Die Antwort Rebers‘ war deutlich. „Ich bin Solist, Du Arsch!“ An deutlichen Worten hat es ihm noch nie gefehlt, was auch im aktuellen Programm gesprochen und gesungen deutlich hörbar ist.

Und da in Zeiten des religiösen Fundamentalismus‘ Besinnlichkeit angesagt ist, konvertierte Rebers zur „schlesischen Glaubensgemeinschaft der Bitocken“, einer Gruppe von „Teilzeit-Moslems, Gelegenheitsjuden und Ein-Euro-Christen“, die in einem Rund-um-sorglos-Paket alle relevanten Feiertage und koschere Speisen wie „Schweinshaxe Rabbiner Art“ oder „Kassler Couscous“ bieten. Als „Reverend Rebers“ predigt er die Wahrheit, der es zu lauschen lohnt – allein schon deshalb, weil sich dieser geistlich wie geistig Reiche einmal mehr aus dem Korsett des kabarettistischen Lagerdenkens befreit und Klartext redet.

Hierfür schlüpft Rebers in die Rolle des Hausmeisters, der sich um den Sohn seiner Nachbarin Sabine Hammer, eine geborene Sichel, kümmert. Die Mutter ist „alleinerziehend, Lehrerin und Vegetarierin – also das volle Programm“. Ihrem gejammerten Selbstmitleid begegnet Rebers trocken: „Denken Sie doch mal an Ben Cartwright: drei Söhne und noch die Ponderosa am Hals.“ Frau Hammer wählt – natürlich – grün.

Und die „Gurken“ sind Rebers ein Dorn im Auge: Mit Akribie amputiert er der Generation Frauengruppe die Lebenslüge vom guten Gewissen und zeigt, wie sehr die einstigen Utopien heute zu Klischees verkommen sind. Mit beißendem Spott entwöhnt er den Spross der linken Mutterbrust und führt ihn auf den Weg der rechten Tugend. Warum auch nicht, wenn man sonst mit semantischem Schwachsinn wie „Holzofenbrot“ oder „Bio-Wildlachs“ aufwächst?

Rebers Themen sind unglaublich vielfältig und zeigen damit umso deutlicher den Aberwitz in einem Land, in dem „die Regierung Angst und Schrecken verbreitet und dabei von der Opposition sinnvoll ergänzt wird“: Der 1,39 Euro-Pfandbon von Kassiererin Emily („Von der Springer-Presse zu 1,40 Euro aufgebauscht!“), Resteverwertung durch die Medienmetzger, Gewaltfreiheit und faschistoide Radfahrer: „Ich regel das“ kommentiert quasi als „Gottes Werk und Rebers Beitrag“ verstörend unterhaltsam den bundesdeutschen Wahnsinn.

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