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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Gut gemachte Böswilligkeit

MAINZ – Als Andreas Rebers im Januar 2008 in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft mit seinem Programm „Auf der Flucht“ Premiere feierte, war die SPD noch mit an der Regierung. Vielleicht hat er ja damals schon geahnt, dass dieser Titel auch nach dem schwarz-gelben Machtwechsel für ihn genauso aktuell sein dürfte.

Er selbst bezeichnet sich als links: „Und reich – besser als arm und rechts, dann bist Du auch noch doof.“ Und genau gegen diese dumpf-deutsche Klientel tritt Rebers seine Flucht nach vorne an. Da gibt er den Hausmeister, der sich darüber wundert, dass „Dschihad“S in arabischen Ländern immer öfter als Vorname vergeben werde: „Dann nenne ich unsere Zwillinge eben Blitzkrieg und Endsieg.“

„Auf der Flucht“ ist dieser Rebers ebenfalls: „Ich bin Jungschlesier“, schaltet er sich in die unselige Vertriebenendiskussion ein, ohne Ross und Reiter nennen zu müssen: „Selbst Adolf Hitler hatte doch einen Migrationshintergrund.“
Dafür überwacht er seine Nachbarin, „die Frau Hammer, geschiedene Sichel: Lehrerin, alleinerziehend und Vegetarierin – also das volle Programm“. Diese trifft sich mit einem Libanesen, was den rührigen Hauswart natürlich motiviert, besonders wachsam zu sein.

Und zwischen „den Bolschewiken von der EU“, der afrikanischen Auszubildenden Mmbemba, die bei Rebers Hausfrau lernt und dem Radler, der Autofahrer wie Fußgänger gleichermaßen verachtet, bedient der Wahlmünchner auf perfide Art jedes Klischee dieser Republik: „Jetzt zeigen Sie mir doch mal ein Vorurteil, das nicht stimmt.“ Das Spiel mit der Angst und der Flucht als atavistische Reaktion – Rebers spielt auf dieser Klaviatur einen Marsch mit harten Akkorden und gewollten Disharmonien: „Ich hab richtig Angst, dass mir so etwas einfällt – und dass Euch so was gefällt…“

Im zweiten Teil gibt der Kabarettist dann den Überraschten, da noch keiner den Programmtitel wörtlich genommen hat und vor seinem bösen Humor auf der Flucht ist. Bislang habe er diesen Part kaum spielen können, feixt er ins Publikum und holpert sich durch die nur auf den ersten Blick etwas krude Nummernfolge. Denn auch hier hat er etwas besonders Garstiges versteckt. Im Hinblick auf den Prozess um den mutmaßlichen NS-Verbrecher Demjanjuk sinniert er über einen noch lebenden Goebbels: „Vielleicht wäre der ja bei Siemens untergekommen.“

Ein Tabu? Aber das doch nicht! Denn Andreas Rebers zündelt munter drauf los und schlägt dem Hintersinn eine Bresche, wenn er den einstigen Propagandaminister vor das Gericht von Fernsehrichter Alexander Hold stellt, wo ihm ein Gutachter eine schwere Kindheit bescheinigt – ausgerechnet aufgrund der Gehbehinderung, mit der Rebers ihn genüsslich durch sein Programm stolpern lässt.

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