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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Singender Satansbraten

MAINZ (25. November 2014). Wenn Anna-Maria Scholz alias Anna Mateur ankündigt, es werde getanzt bis der Boden knackt, dann darf man das gerne wörtlich nehmen. Dass man sich hierfür jedoch genüsslich zurücklehnt, ist nicht im Sinne der Künstlerin, die das Unterhaus-Gestühl beiseitegeschoben sehen will: Das Publikum solle doch bitteschön mittanzen.

Ob die Dresdnerin tatsächlich damit rechnet, bleibt offen. Und da sich das Auditorium lieber den akustischen und optischen Reizen dieser extravaganten Künstlerin hingeben möchte, tanzt sie eben alleine: im gewagten Britney-Spears-Outfit und einer Mimik, die zuweilen richtig Angst machen kann, um sogleich wieder versöhnlich zu schäkern – Anna Mateur ist wieder da!

Das neue Programm heißt „Protokoll einer Disko“ und verheißt Lieder, Cover und Kunst. Jede einzelne dieser Versicherungen wird eingelöst – und sei es köstlich atonal wie bei „What is love“ von Haddaway oder Roberta Flacks „Killing me softly“ in einer Endlosschleife, die fast schon an den Variantenreichtum einer barocken Passacaglia erinnert. Wenn Anna Mateur sich eines Songs annimmt, hilft ihm kein Wegducken: Falls er sich dieser Sängerin aber bereitwillig hingibt, erscheint er in neuem und oft schillerndem Gewand wie „I can’t dance“ von Genesis oder „Dancin‘ Fool“ von Frank Zappa.

Dabei helfen Anna Mateur zwei geniale Musiker: „The Beuys“ mit Christoph Schenker am Cello und Kim Efert an der Gitarre. Da mutiert der galante Bogenstrich perkussiv zum coolen Schlagbass und das Saitenspiel an der Klampfe wird Teil eines sinfonischen Ganzen, das das Duo polyphon potenziert. Grandios ergänzen sich die Musiker sowohl zu zweit als auch in der Begleitung von Anna Mateur, deren Stimme dem Registerreichtum einer Orgel gleicht: Belcanto trifft auf Röhre, lässt Tom Waits mit whiskygetränktem Stimmband Brötchen bestellen oder parodiert Stimmmerkmale von Stars wie Tina Turner oder Anastacia.

Jedem gesungenen und gesprochenen Wort, jeder Geste wohnt dabei der Zauber einer eleganten Selbstironie inne. So, wie die studierte Sängerin die tonale Harmonik aus Tonika, Dominante, Subdominante und Dominante erklärt, könnte sie auch den desinteressiertesten Pennäler hinterm Ofen vorlocken. Der Irrsinn der peinlich zur Schau gestellten Persönlichkeit in sozialen Netzwerken wird gebrandmarkt und die Künstlerin ermuntert mit einer Sex-Hotline für Bausparer und Bewohner von Doppelhaushälften zum Tabubruch. Kein Wunder, dass Anna Mateur gleich das nächste Cover anstimmt: „Mad World“ von Tears for fears.

Genüsslich blickt sie in die „entsetzten Gesichter“, wenn sie sich ins Publikum begibt und Mike aus der ersten Reihe für einen Klammerblues zu „Killing in The Name“ von „Rage Against The Machine“ auf die Bühne bittet oder in einem rasanten Medley aus Abba, Survivor und Queen für das Thema von „Star Wars“ zur Blockflöte greift: „Man muss eben alles mal ausprobieren“, sagt sie nach einem Chanson d’Amour, der Kannibalen einlädt, sie aufzuessen. Was für ein singender Satansbraten!

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