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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Konfliktbewältigung mit Waldorf-Geschmack

MAINZ – Eine Voraussetzung dafür, den Deutschen Kleinkunstpreis zu erhalten, scheint es zu sein, seine Kollegen zu demütigen: Pigor drangsaliert seit Beginn den Pianisten Eichhorn und Anna-Maria Scholz alias Annamateur setzt ihren Band-Kollegen, dem Cellisten Stephan Braun und Reentko Dirks an der Gitarre mächtig zu. Stoff also, aus dem unterhaltsame Kabarettabende gemacht werden? Aber sicher!

Im aktuellen Programm von Annamateur und ihren „Außensaitern“ suchen sich die Künstler allerdings professionelle Hilfe: „Bandaufstellung nach B. Hellinger“ heißt es hier und spielt auf die familiäre Konfliktbewältigung mit Waldorf-Geschmack an. So etwas ist für gewitzte Kabarettisten natürlich ein gefundenes Fressen, an dem sich auch das Publikum laben darf.

Der Gefahr, das Ganze auf dem platten Namen-Tanzen alternativer Bildungsformen aufzubauen, entgeht Annamateur, indem sie das Thema bewusst nicht frontal angeht, sondern immer wieder, aber spürbar touchiert: Mit ihren trotz allem bestens integrierten „Außensaitern“ musiziert sie zu harmonisch, so dass die Überleitungen immer wieder für die Bandaufstellung herhalten müssen: „Musik macht auch ohne Balz ganz viel Spaß“, ruft sie ihren charmanten Gitarristen zur Ordnung und dem Cellisten gibt sie sich als vokales Instrument hin.

Annamateur ist ganz wogender Resonanzkörper, wenn sie ihre Stimme erhebt: Als diplomierte Jazz-Sängerin hat die Frau einfach eine Röhre, mit der sie ein unglaublich breites Spektrum abdeckt. Da haucht sie ein „Memories“ hin und singt Michael Jacksons „Bad“ so soulmäßig, als double sie Joe Cocker.

So vielseitig wie die musikalischen Fertigkeiten der drei Protagonisten, die auch solistisch brillant glänzen – Annamateur selbst spielt atemberaubend Blockflöte –, ist auch der diabolische Witz der weiblichen Hauptperson, die ihre Mannen zum schweigenden Sein verpflichtet hat: In ihren Liedern besingt sie den „Hauch von Hollywood im Hirn“ und die dazugehörige Wut im Bauch der Zukurzgekommenen oder die mediale Bankrotterklärung in „Egal was passiert: halt die Kamera drauf“ und bietet „Telefonjazz für die gehobene Mittelschicht“ an.

Den gibt es natürlich auch live: Reentko Dirks greift behende in die Saiten und Stephan Braun entlockt seinem Cello den Groove eines tenoralen Schlagbasses, dazu der elysische Gesang von Annamateur, gewürzt mit feinem Scat und sprühendem Wortwitz: Bleibt zu hoffen, dass der Weg dieser drei zueinander noch lange und steinig ist, so dass B. Hellinger noch viel zu tun hat.

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