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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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In Dr. Mabuses Sprechstunde

MAINZ (5. Oktober 2013). Wenn man in diesen Zeiten das Wort Rating hört, meist verbunden mit dem Begriff Agentur, dann zuckt man zusammen und hält die Geldbörse fest umklammert. Entspannen kann man, wenn dieses Rating als Nachname daherkommt – und wenn davor ein Arnulf steht, ist das ein Garant für einen kabarettistischen Abend der Extraklasse.

Rating spielt im Unterhaus sein aktuelles Programm „Ganz im Glück“ und beginnt wie gewohnt mit der Presseschau: Doch statt der Postille aus dem Hause Springer erlebt das Publikum einen heißen Ritt durch die übrige Zeitungslandschaft – auch andere Blätter haben gute Schlagzeilen, auf den sich Rating (s)einen Reim macht. Dabei fragt er sich, ob denn die Generation Smartphone mit dem Medium Zeitung überhaupt noch umgehen könne: „Die wischen drauf rum und wundern sich, das nichts umblättert.“

Die Zeitungen sind voll – Ratings Programm auch: „Der Trog bleibt, nur die Schweine wechseln“, resümiert er trocken das Wahlergebnis und zur Limburger Badeoase zitiert er den Papst, der ja forderte, die Hirten sollten den Geruch der Schafe annehmen. Folglich sei eine große Wanne zuweilen schon nötig: „Die reinigende Wirkung kannte schon Barschel.“ Rating ist eben dafür bekannt, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt und scharf schießt.

Da sind die Witze über den Berliner Flughafen, der so aussieht, als sei der verspätungserprobte Mehdorn dort seit Anfang an Chef, noch harmlos. Doch ein garstiges Scherzen allein ist Ratings Sache nicht und so schlüpft er wieder in herrlich überzeichnete Rollen: Dr. Mabuse, Schwester Hedwig, den Investor Fred Ferkelmann, einen zum Security-Mann outgesorcten Polizisten – mit ihnen knöpft er sich diesmal das kränkelnde Gesundheitssystem vor und zeigt deutliche Parallelen zu unserer Gesellschaft auf.

Deutschland ist demnach krank: erst die Teilung und dann das Zusammenwachsen, die Problemzone im Osten, das fehlende Rückgrat, die Markentfernung und die Verordnung des synthetischen Euro („Das hätte man vielleicht vorher am Zyprioten testen sollen…“), die Überdosis Kohl, das Schlafmittel Scharping, die Wachstumspsychose gekoppelt mit akuter Geldsucht, die Geldkreislaufstörungen – und am Bett eine „Regierung aus Palliativmedizinern“.

Doch wie krank ist unser Land, unsere Gesellschaft wirklich? Rating mischt die ernste Frage mit ironischer Antwort und verschreibt einen gesunden Sarkasmus als Heilmittel gegen die drückenden Zeichen der Zeit – schließlich sei der Deutsche trotz aller Probleme ja noch immer glücklich. Und gekonnt zynisch knöpft er sich denn doch noch die Zeitung mit den vier Buchstaben vor, um zu zeigen, dass einem jede noch so schlimme oder absurde Schlagzeile nicht die gute Laune verderben kann. So bleibt man also: ganz im Glück. Und sollte man sich dem widersetzen, droht eben die Zwangseinweisung: „Beim Gustl Mollath war das auch kein Problem…“

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