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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Bittere Tropfen mit Zucker

MAINZ (17. Februar 2016). Ende, aus – nach 50 Jahren macht das Unterhaus dicht. So verkündet es zumindest die resolute „Schwester Hedwig“, eine der konturenreich skizzierten Bühnenfiguren des Kabarettisten Arnulf Rating: In den Kleinkunstkeller werden ab sofort Flüchtlinge einquartiert – 200 Stockbetten würden hinter der Bühne bereits zusammengeschraubt. Immerhin dürfe man an diesem Abend noch bis 22.30 Uhr spielen. Auch so kann Aktualität aufgegriffen werden.

Das neue Programm heißt „Rating akut“, die Themen sind es ebenfalls. Und dass der Kabarettist sich im Dickicht zwischen Wirtschaftskrise und Flüchtlingselend zu verheddern droht, scheint durchaus gewollt: Wer hat hier und heute schon den Überblick? Die Welt ist offensichtlich aus den Fugen geraten, die Situation ist tatsächlich akut. Doch ein Schmerzmittel, das betäubt und einzig Symptome bekämpft, ist weder von Rating noch von Schwester Hedwig zu bekommen.

Seinen Therapieansatz lebt der Künstler auf der Bühne vor: Nicht alles schlucken, was einem angeboten wird, sondern hinterfragen. Wer bedroht denn nun unsere Werte wie Pünktlichkeit, Sauberkeit und Ehrlichkeit? Flüchtlinge oder doch eher Deutsche Bahn, VW und Deutsche Bank? Und leben wir nicht längst in einem Gottesstaat, mit einem Pfarrer als Präsident und einer Kanzlerin, die Tochter eines Geistlichen ist: „Und beide kommen aus dem nahe Osten!“ Flapsiger Scherz geht hier mit geistreichem Witz Hand in Hand.

Und irgendwann platzt es heraus, da geht die Empathie mit dem Mimen durch: Kriege werden geführt, Menschen sterben – und hierzulande spart man beim Tanken. Ein Satz, den Rating mit Verve vorträgt, bleibt haften: „Wir schaffen es, auf Zigarettenpackungen vor den Folgen des Rauchens zu warnen – mit Hinweisen, die größer sind als die Schachtel. Aber wir schaffen es nicht, auf Waffen die Folgen ihres Missbrauchs zu schreiben.“

Rating rechnet vor: Auf 80 Bundesbürger kommt ein Flüchtling und während Deutschland im Frühjahr 2015 die 150 Opfer des Flugzeugabsturzes in den französischen Alpen beklagte, ertranken 400 Flüchtlinge im Mittelmehr – von den Medien kaum beachtet. Bittere Tropfen, doch Rating gibt sie immerhin mit Zucker. In verschiedenen Rollen, in die er mit wenigen Accessoires wie Hut, Jacke oder Perücke schlüpft, entwirft er ein Panoptikum der bundesdeutschen Befindlichkeit zwischen Krankenschwester, Hausmeister, Investment-Banker und Journalist.

Apropos Presse: Mit einem Schwung Druckerzeugnissen auf dem Arm – Revolverblätter wie Leitmedien – blättert der Kabarettist genüsslich eine Schlagzeile nach der anderen durch und seziert dabei die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit, stellt Verbindungen her, wo keine existieren, deckt Verknüpfungen auf, die mit bloßem Auge gar nicht zu erkennen sind. Wie war das noch? Nicht alles schlucken, was einem angeboten wird, sondern hinterfragen.

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