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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Savoir vivre mit Solei und Essiggurke

MAINZ (19. Januar 2015). Eigentlich müsste man die „Küchenchefs“ und „Kochprofis“ der Privatsender vorbeischicken, die in Not geratenen Gastronomen helfend unter die Arme greifen, um aus jeder noch so heruntergekommenen Kaschemme ein gefühltes Sternelokal zu machen: In „Paul’s Texas-Pub“ liegt alles im Argen, genau wie „Beim Henry“.

Und dann wirken die Etablissements der hessischen Gastlichkeit auch noch direkt gegenüber: Roland Hotz hat eine pittoreske Kulisse auf die Bühne der Phönixhalle gezimmert – und aus den Türen der Kneipen treten die beiden Patrone Paul (Gerd Knebel) und Henry (Henni Nachtsheim). Erneut hat sich „Badesalz“ ein abendfüllendes Theaterstück auf den Leib geschrieben und erweist sich wie immer als Publikumsmagnet – zwei Mal ist die Phönixhalle ausverkauft. Irgendwie hat das Duo hier ja auch immer ein Heimspiel.

Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: Beiden Gastronomen fehlen die Gäste, dafür droht der Vermieter mit Abriss. Wie also auf einen grünen Zweig kommen? Gemeinsam? Mit welchen Ideen? Allein das schafft schon mal Raum für intensive Auseinandersetzungen. Immerhin einigt man sich auf einen gemeinsamen Namen, der dem Stück auch seinen Titel gibt: „Dö Chefs“.

Vorher jedoch giftet Knebel gewohnt wie gekonnt um sich, während Nachtsheim seine defensive Rolle intensiv auslebt. Mit dieser Konstellation kann sich „Badesalz“ in jede beliebige Szenerie hineinmontieren – und sei sie noch so absurd. Wie eine Schiffschaukel gewinnt die Handlung an Fahrt: Kabbeln sich beide anfangs noch um die „Kreativität“ ihrer Speisekarten, übertrifft man sich bald bei den Ideen für eine gemeinsame Zukunft: Erlebnisgastronomie („Maggi & Magie“)? Zirkusprogramme („Cirque du Kakerlak“)? Nouvelle Cuisine (Rindswurst mit Senf als „rote Gourmetsichel an goldgelber Edelmarinade“)?

Immer wieder klinken Knebel und Nachtsheim grandiosen Nonsens ein, geben ein altes Ehepaar, konversieren über Tätowierungen, Handkäs-Sushi oder Grüne Soße mit Stäbchen. Ein Höhepunkt ist die Oscar-Rede, die Henry nach der Verfilmung seines „Romans“ auf Englisch mit hessischem Dialekt hält und Bruce Willis nach dem Äppler vor „Thinpfiff“ warnt – das Auditorium krümmt sich vor Lachen und bestaunt das Sinnieren über ausgestorbene Berufe: als die Ferkel religiös wurden (Schweinepriester), als die Cowboys ihre Pferde verloren (Sattelschlepper) oder Kellner von Weitem servierten (Fernbedienung) – es ist, als hörte man eine neue Sketch-CD von „Badesalz“.

Das rasante Theater wird befeuert durch das eruptive Spiel Knebels, das sich an Nachtsheims Elastizität abarbeitet. Doch ist der Nachgiebige immer der Klügere? Bauernschlau grätscht der Partner in die offene Flanke und bringt sein Gegenüber ins Straucheln. Das verleiht den 90 Minuten „Dö Chefs“ eine Spannung, die sich eins zu eins auf die Lachmuskulatur des Publikums überträgt.

Schließlich geben die beiden auf und ziehen als kulinarische Botschafter Hessens nach Barcelona, um dort ihr Glück als „Dos Cheffos“ zu versuchen. Der Schluss kommt etwas abrupt, was jedoch durch eine finale Dia-Show abgemildert wird: Sie zeigt Paul und Henry mit zahlreichen Ehrengästen, darunter Obama, die Klitschko-Brüder, die Jacob-Sisters und Tebartz-van-Elst. Der nächste Spanien-Urlaub kann kommen.

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