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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Zwischen Hartz IV und Spessart VII

MAINZ (16. Dezember 2010). Schon nach wenigen Minuten denkt man nicht mehr an den möglicherweise vereisten Heimweg. Vielmehr beschäftigt einen die bange Frag: Könnte mir das gleiche passieren wie Peter Lembach?

Man steckt in einer Schneewehe fest, vielleicht zwischen Ober-Olm und Udenheim: kein Handy-Empfang, dafür aber die Gesellschaft eines wunderlichen Feld-, Wald und Weinbergschrats, der einem das Universum erklärt. So in etwa funktioniert das aktuelle Comedy-Theaterstück von Badesalz.

Henni Nachtsheim und Gerd Knebel ziehen wieder alle Register des hessischen Humors und sorgten in Mainz mit „Bindannda“ drei Mal hintereinander für eine ausverkaufte Phönixhalle: Jener Dosenfabrikant Peter Lembach (Nachtsheim) ist nach siebenstündigem Paragliding-Flug vor Noahs Waldhütte „voll runnergebrettert“. Die Schirmseide noch im Schlepptau steht er im liebevoll stilisierten Nirgendwo und will nur noch eines: nach Hause.

Doch der Einsiedler hat anderes im Sinn: Er wartet auf das Eintreffen außergalaktischen Lebens und möchte hierfür Kulturgüter horten, damit die grünen Männchen angesichts deutscher Vorabendserien nicht sofort wieder abschwirren. So bleibt Lembach nichts anderes übrig, als mitzuziehen: Gedichte schreiben, Kabarett zwischen Hartz IV und Spessart VII spielen, Liebeslieder singen und wenigstens eine intelligente Serienfolge schreiben.

Das Ergebnis ist klar: Würden die Außerirdischen diese Ergüsse sichten, sie machten sich rasch aus dem Staub. Wenn sie allerdings eine Vorstellung von „Bindannda“ sähen, bekäme man sie so schnell nicht mehr los. Denn Nachtsheim und Knebel packen ihr Stück natürlich wieder randvoll mit Nummern, die den Badesalz-Fan ob ihres verschrobenen Witzes jubeln lassen: Da schnabulieren die Naturburschen „Zecken mit Blutgruppe A – schmeckt wie Fanta“, preisen im Natur-Supermarkt „Mützchen aus Fuchsvorhaut“ und „Froschledersöckchen“ an, spielen Gedanken-Mikado und preisen den Äppler sowie Christas Kartoffelsupp‘. Grandios ist Knebel als für eine Beschwerdeabteilung eines Hanauer Heizungsmonteurs eigens ausgebildeter Ignorant.

Aber auch das mimische Können von Badesalz beeindruckt: Nachtsheim gibt den naiven Möchtegern-Mann von Welt und Knebel einen bissigen Buster Keaton, wobei beide als Antipoden die Handlung durch die Wildnis treiben – bis plötzlich eine Stimme aus dem Lautsprecher erklingt, die kundtut, dass auf dem Campingplatz jetzt alles in Ordnung sei, der Handymast wieder funktioniere und Norbert alias Noah endlich seine Hütte abreißen solle. Manchmal lösen sich Probleme auch einfach in Luft auf – wie Badeschaum…

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