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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Sinn und Unsinn Hand in Hand

MAINZ (26. September 2012). Ein echtes Déjà-vu erlebte das Publikum jetzt im Mainzer Unterhaus, eine Zeitreise in die wilden 70er Jahre der Kleinkunst, als Insterburg & Co ihre telegenen Späße trieben, als Schobert & Der Black als legendäres Liedermacher-Duo die Bühnen bespielten – heute zeugen noch Fotos und Plakate davon, die man während der Pausen bestaunen kann.

An diesem Abend jedoch sind diese Schwarz-Weiß-Fotos lebendig und stehen wortwörtlich live und in Farbe im Unterhaus: Ingo Insterburg und Lothar „Black“ Lechleiter sind zwei alte Haudegen, deren Klinge noch immer scharf ist – Black ein nachdenklicher Liedermacher und humoriger Verseschmied, Insterburg der hochmusikalische Bühnenschreck mit ausgeprägtem Sinn für den Nonsens.

Noch immer kann sich der Black über Politik und Gesellschaft aufregen, nimmt sie ins Gebet: „Die halbe Welt hat nichts zu fressen – das liegt an unseren Interessen“ und „Ist der Anlass echt global, kann uns die Verfassung mal.“ Deutliche Worte findet er auch über die Freiheit, deren Banner für ihn zu oft Sternchen und Streifen trägt. Es weht ein Hauch von Burg Waldeck durchs Unterhaus.

Sentimental wird es, als der Black das Datum des Tages anspricht: Vor genau 20 Jahren starb sein Bühnenpartner Schobert, der den chilenischen Liedermacher Victor Jara so verehrte. Auch er kam im September des Jahres 1973 zu Tode, ermordet von Pinochets Schergen. Um beider zu gedenken singt er Verse des Südamerikaners, dem man zuvor noch die Hände gebrochen hatte, damit er nicht mehr Gitarre spielen konnte.

Doch Black kann natürlich auch glänzend unterhalten: mit Limericks, ostpreußischen Gedichten und Liedern von der „Reiher-Air“, einer Parodie auf Billigflieger – und eine Uraufführung, die im fluglärmgeplagten Mainz natürlich am richtigen Platz ist.

Ingo Insterburg, dieser Tausendsassa, ist sich und seinen Fans ebenso treu geblieben. Er gibt auf der einsaitigen Wimmergeige Mozarts „Kleine Nachtmusik“, intoniert Erotisches von seinen „elf flinken Fingern“, spielt auf dem selbstgebauten Blechbüchsen-Cello mit zwei Saiten „Amazing grace“ und zupft seine Brillenharfe: ein Klodeckel mit Gardinenstangen („Der hat bei mir zehn Jahre gute Dienste getan.“).

Auch mit 78 Jahren ist er der Humor-Anarchist, bei dem Stars wie Helge Schneider offensichtlich die Schulbank gedrückt haben. Oder wer sonst spielt gleichzeitig „Sopran-Schlagzeug“, zupft die Gitarre mit dem Fuß und wechselt derweil Trompete, Horn, Posaune und Tuba?

Zwar fehlen seine einstigen Kombattanten Jürgen Barz, Karl Dall und Peter Ehlebracht, jene legendäre Company von Insterburg & Co, um sich darin spiegeln und brechen zu können. Doch die Erinnerungen an diese abgründigen Sternstunden deutscher Komik werden jäh geweckt und sind auch lange nach der Vorstellung noch putzmunter. Warum machen die vier eigentlich nicht mal wieder was miteinander?

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