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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Brillantes Plädoyer

MAINZ (10. Juni 2015). Mit einem Megaphon schreitet Max Uthoff von hinten durch die Unterhaus-Röhre und leiert Allgemeinplätze aus Politiker- und Volksmund vor sich hin. Und ständig einen Satz: „Wer immer wieder dasselbe sagt, hat Recht.“ Der erste Teil des aktuellen Programms „Gegendarstellung“ macht seinem Namen alle Ehre, denn Uthoff entlarvt die nicht nur wahlkampfbedingten Lügen unserer Staatslenker gnadenlos.

Da steht er, der smarte Jurist, der sein Plädoyer mit messerscharfer Analyse der Gegenwart vorträgt. Geschliffen ist jeder seiner Sätze, logisch die Schlussfolgerung, knallhart sein Urteil. Er selbst trägt einen eleganten schwarzen Anzug, doch sein Humor ist elegant wie ein maßgeschneiderter Frack. „Mittelschicht goes Kultur“, scherzt Uthoff zu Beginn: „Das gilt für Sie wie für mich.“ Und er verspricht: „Heute ohne Musik.“ Schließlich hätten böse Menschen bekanntlich keine Lieder.

Dabei ist er nicht böse. Ihm geht auch die empörte Wut manches Kollegen ab. Seine Stärke ist die kühle Bilanz: Jede Partei wird auf Herz und Nieren geprüft, um doch nur noch den moralischen Exitus zu diagnostizieren. Der G7-Gipfel auf Schloss Elmau gibt dem gebürtigen Münchner Gelegenheit, sich das Sicherheitskonzept noch einmal genauer anzuschauen: „Vier Polizisten kamen da auf einen Demonstranten – mehr als bei Rodney King.“ Uthoff ist belesen und versteht es, Daten und Fakten der Vergangenheit passgenau in die Gegenwart zu montieren.

Kein politischer Protagonist erfährt Gnade: Weder Alexander Dobrindt, der „größte Woody-Allen-Fan aus der Stadtsparkasse Dingolfing“, noch Horst Seehofer, der „Silberrücken“, um den sich „Rhesus-Äffchen der anderen Parteien“ balgten und Markus Söder erst recht nicht, von dessen TV-Karriere in der Vorabendserie „Dahoam is‘ dahoam“ Uthoff schwärmt: „Der schämt sich für nichts und würde auch in einer Kochshow von Alfons Schuhbeck auftreten – mit Apfel im Maul und Petersilie im Arsch.“

Die deftigen Sottisen des Kabarettisten treffen den Nerv des Publikums und man könnte ihm stundenlang zuhören, wie er sich Bundespräsident und Kanzlerin, Pegida und E-Bike-Nutzer zur Brust nimmt. Doch das wäre Uthoff zu billig: Nach einem kurzen Wildern im Boulevard schießt er sich auf den Neoliberalismus und die Wirtschaft ein. Auch hier mag man ihm aus vollem Herzen applaudieren und merkt doch bald mit Schrecken, dass das Lachen nur dem ausgetreckten Zeigefinger gleicht, bei dem stets drei Finger auf einen selbst zeigen.

Jetzt hat Uthoff das Publikum am Kanthaken und rechnet ihm ebenso unbarmherzig, wie er anfangs die Politiker piesackte, vor, dass sich auch die anwesende Mittelschicht zu leicht von wirtschaftlichen Totschlagargumenten („Arbeitsplätze!“) und künstlich aufgebauten Feindbildern in den Reihen der sozial Schwächeren leiten lässt. Vielleicht sollte man die neuen Nationalisten in eine von Uthoffs Vorstellungen schicken, denn wie stolz kann man wirklich auf ein so reiches Land sein, in dem arme Menschen auf „Tafeln“ angewiesen sind?

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