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Jan-Geert Wolff

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Bruno Jonas spielt „Bis hierhin und weiter“

MAINZ – Das aktuelle Soloprogramm von Bruno Jonas ist weit mehr als „nur“ Kabarett: Als abendfüllendes Ein-Personen-Stück seziert es den Raubtier-Kapitalismus aus der Sicht des Consulting-Managers Hubert Unwirsch. Und der gibt frank und frei zu: „Als Unternehmensberater müssen Sie auch mal Dinge tun, von denen Sie keine Ahnung haben. Und da liegt mein Talent.“

Der letzte „Scheibenwischer“ am 30. Dezember 2008 hatte gute Einschaltquoten, obgleich es Abschied nehmen hieß: Bruno Jonas hatte schon im April angekündigt, ein telegenes Sabbatjahr einzulegen. Was jedoch nicht heißt, dass die Freunde bester bajuwarischer Brettl-Kunst abstinent leben müssen: Mit „Bis hierher und weiter“ gastierte Jonas jetzt in der gut besuchten Mainzer Phönixhalle.

Jonas ist zum Glück kein Kabarettist, der ein Programm totspielt und dabei sklavisch am Text klebt. Nein: Hessenwahl, Glos, Papst, Obama und Seehofer („a bisserl Larifari, Stritzi, Halodri und Batzi“) – der Oberbayer pflegt die unbedingte Aktualität seiner Nummern. Und natürlich die liebenswerte Angewohnheit, über gelungene und vor allem spontane Pointen selbst zu lachen.

Aber es kommt noch besser: Die gegenwärtige Krise und ihre Ursachen haben „Bis hierher und weiter“ wie eine große Welle umspült und lassen es frischer denn je aussehen: „Wenn einer weiß, dass er nichts wissen kann, und trotzdem so tut, als könnte er was wissen, dann ist er wahrscheinlich ein Depp. Oder ein Berater.“ – der Satz, der manchem Konzern-Vorstand empören dürfte, wo doch demütiges Schweigen angebrachter wäre, sitzt.

Und Jonas hat in der Rolle des Hubert Unwirsch ein Alter Ego kreiert, das bestens in die Zeit passt. Im Moment sitzt der Berater allerdings am Flughafen fest. Statt finanzielle Höhenflüge zu unternehmen, referiert er über Wirtschaft, Profitgier und Moral; letztere wurde allerdings outgesourct: „Dahin, wo sie billiger hergestellt werden kann.“

Wie auch die Arbeitsplätze eines heimischen Brausekopfherstellers. Doch von wegen Verlust: „Wir haben in China 3.000 neue Jobs geschaffen“, schlägt Unwirsch der Gewerkschaft ihr internationale Solidarität wie einen nassen Lappen ins Gesicht. Und das Telefongespräch mit der verzweifelten Gattin eines Rationalisierungsopfers ist gerade wegen der jovialen Anteilnahme grausam: Erstens habe der Consulter keinen entlassen, sondern nur dazu geraten und zweitens Papi mit „Hartz IV als Chance“ jetzt mehr Zeit für die Kinder.

Kein Zweifel: Über 30 Jahre Bühnenerfahrung haben Jonas zu einem der rhetorisch pfiffigsten Kleinkünstler werden lassen. Umso überraschender ist der plötzliche Bruch im Programm: Gegen Unwirsch ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Bestechung und Untreue. Apropos: Sein Vorstandspartner und Freund setzt sich mit Frau Unwirsch nach Brasilien ab. Und plötzlich wird der Ratgeber zum -suchenden. So weit, so gut.

Auch die Gedanken des Beraters sind, die Sehnsucht nach Trost und Zuspruch ins Agenturprogramm aufzunehmen, um der Angst unserer Zeit zu begegnen, sind nicht ohne. Zumal gläubige Menschen bevorzugt eingestellt werden könnten, wie Unwirsch mit seinem abgebrochenen Theologiestudium („Danach dann sechs Wochen BWL.“) erkennt: „Gerade der Katholik kann besser leiden.“

Als der gehörnte Ehe- und verfolgte Geschäftsmann dann aber in die Tiefen der philosophischen Sinnsuche abtaucht, haut es den Zuschauer doch zeitweise aus der Kurve. Gleichviel: Zu lachen hatte man an diesem Abend reichlich.

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