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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Geistiger Höhenflug mit Loopings

MAINZ (21. Januar 2011). Der Stehtisch auf der Unterhausbühne könnte auch die Kulisse einer Berliner Eckkneipe sein, an dem der Kabarettist Martin Buchholz auf die Regierung schimpft. Doch der Hauptstädter ist natürlich weit mehr als ein polternder Pintenphilosoph und statt vom Fusel beduselt schaut er mit wachem Blick und scharfer Zunge genau hin.

Einen „guten Abend“ traut er sich daher kaum zu wünschen, denn auch er hat die Zeichen der Zeit erkannt: „Wir stehen vor einer nationalen Katastrophe: Die Deutschen sterben aus!“ Die Gefahr käme dabei aus dem nahen Osten („Das Wandern ist des Mullahs Lust“), denn wie stehe es schon im „1. Buch Sarrazin, Vers 1: „Der Tag ist nah, an dem das deutsche Volk ein getürktes ist.“

Und schon ist Buchholz mittendrin im argumentativen Minenfeld. Doch anstatt die Sprengkraft zu meiden, sucht er die Explosion: Während die Akademikerin hier nicht danach trachte trächtig zu werden, benehme sich die Unterschicht geradezu niederträchtig. Fazit à la Sarrazin: „Die Falschen pflanzen sich fort.“

Das aktuelle Programm Martin Buchholz‘ heißt „Missverstehen Sie mich richtig, bitte!“ Wer hinhört, kapiert schnell, denn der Kabarettist geht seinen Themen auf den Grund. Und wer hinter vorgehaltener Hand der Argumentationskette des umstrittenen Buchautors folgen mag, dem erläutert Buchholz die Hintergründe, denn Sarrazin beziehe sich wortwörtlich auf Sir Francis Galton, einem der Urväter unseliger Rassenlehre, der bereits Ende des 19. Jahrhunderts von „guter Zucht“ und Erbanlagen schrieb. Der Kabarettist in der Rolle des Aufklärers – Martin Buchholz ist hier einer der ganz Großen.

Dass dieses Lernen zu keinem Zeitpunkt langweilig wird, dafür sorgt er mit Berliner Schnauze und einem Wortwitz, der hüpfend zwischen Eleganz und Zote balanciert. Intelligent spiegelt Buchholz die Gegenwart immer wieder in griechischen Mythen, erläutert damit gewitzt aktuelle Zusammenhänge rund um den Kapitalismus. Und dann tritt der Kabarettist mit voller Wucht verbal unter die Gürtellinie, dass einem die Luft weg bleibt. Doch auch das geschieht sprachlich derart galant, dass man die Derbheit im gleichen gedämpften Atemzug mit den treffsicher gesetzten Pointen goutiert – ein geistiger Höhenflug mit zahlreichen Loopings.

Statt der Kanzlerin bezieht an diesem Abend der Außenminister die meiste Prügel: Den Namen Westerwelle liest Buchholz ab, weil er sich bemüht, ihn zu vergessen. Beleidigen möchte er ihn lieber nicht zu deutlich: „Aus juristischen Gründen bin ich nicht meiner Meinung“, umschifft er den Kadi: „Westerwelle macht jetzt bei ‚Wetten dass…?‘ eine Außenwette mit: Auf Stelzen soll er über den eigenen Schatten springen – dabei ist der schon aus der FDP ausgetreten.“

Weitere Informationen und Termine gibt es unter http:// www.martin-buchholz.de.

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