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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Derber Charme mit Botschaft

MAINZ (18. Dezember 2016). Was erwartet einen an einem Abend mit „Alphapussy“ Carolin Kebekus? Der Name, den sie sich in den letzten Jahren gemacht hat, klingt laut, nach Kölsch, nach Straße – „Credibility“ (Glaubwürdigkeit) sagt man heute dazu. Und die hat Kebekus: Mit ihren 36 Jahren ist sie in der Lage, ihr Publikum frontal für sich einzunehmen, ehrlich, grundsympathisch, mit teils ätzendem Sarkasmus und passgenau zugeschnittenen Pointen.

Da sind PC und Smartphone, die Kebekus‘ ganze Aufmerksamkeit absorbieren. Nur wenn sie mal keinen Empfang hat, sitzt sie da und macht sich „plötzlich Gedanken“, die dann trotz aller schrillen Oberfläche mächtig Tiefgang haben, wenn man auf die Zwischentöne hört. Kebekus macht sich mit schneidender Selbstironie über die Damenwelt diesseits der 30 lustig und führt ihre Geschlechtsgenossinnen an den blondierten Extensions durch die Manege. Wozu, wird man noch erfahren.

Auch wenn man natürlich Karikaturen sieht, sind diese doch oft nah dran am Original, wofür mimisch und stimmlich täuschend echt in diverse Rollen geschlüpft wird. Wie die des Mädchens respektive Girls, für das Eltern statt Mama und Papa nur noch Mom und Dad sind. Nicht selten ist der Herr Papa dank Hipsterbart dann auch noch cooler als der Spross, weswegen die Jugend eine ganz eigene Form der Rebellion gefunden hat: mit atemloser Spießigkeit durch die Nacht.

„Ihr hört Schlager!“, kann es Kebekus, die sich mit genial gemachten Videoclips nicht nur über AfD-Chefin Frauke Petry lustig macht, sondern auch schon Sängerin Helene Fischer täuschend echt und vor allem gekonnt parodierte, nicht fassen: „Werft Euer Leben doch nicht einfach so weg, nehmt lieber Drogen!“, fleht die Rheinländerin ihr jugendliches Publikum an. Wenn man dann noch sieht, wie Kebekus Mädchen nachmacht, die im Internet-Tutorial über gesunde Ernährung „referieren“ und doch nur einem falschen Schönheitsideal hinterherhecheln, ist das mit den bewusstseinsverändernden Substanzen vielleicht gar nicht die schlechteste Idee.

Natürlich will Kebekus in erster Linie unterhalten. Doch die „Alphapussy“ hat durchaus auch etwas zu sagen „Wenn ich Chefin einer Firma wäre, würde ich nur Frauen einstellen“, beteuert sie: „Die sind billiger.“ Ja, jetzt komme „Feminismus-Scheiße“, warnt Kebekus und kritisiert, dass Frauen noch immer 22 Prozent weniger verdienten als ihre männlichen Kollegen. Auch wenn diese Zahl von manchem auf sieben runtergerechnet würde: „Wenn mir ein Vogel auf den Kopf kackt, freue ich mich ja auch nicht, dass es kein Albatros war.“

Ein Abend mit Carolin Kebekus, die ihre Talente auch als politische Kabarettistin unter anderem in der ZDF-Satire-Sendung „heute show“ unter Beweis stellt, zeigt vor allem: Genau solche Begabungen braucht die Szene. Kebekus hat eine komödiantische Präsenz und derbe Überzeugungskraft, wie sonst aktuell höchstens Anke Engelke oder Martina Hill: Sich an solchen Größen messen lassen zu können, zeugt von eigener Qualität.

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