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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Diplom-Animatöse mit Auszeichnung

MAINZ (3. Mai 2012). Kabarettisten müssen eine eigene Form finden, wollen sie nicht auf der Oberfläche des seichten Komödiantentums dahin dümpeln. Zwei, denen dies fraglos im Duett gelang, waren Eva Eiselt und Christine Prayon als „Top Sigrid“. Doch nach atemberaubendem Start trennte sich das Bühnenpaar – auf der einen Seite schade; jetzt aber, da nach Eiselt auch Prayon solistisch durchstartet, weiß man, dass jede für sich die Bühne mühelos ausfüllen kann – und muss. Für die zweite gab’s in diesem Jahr denn auch gleich den Deutschen Kleinkunstpreis.

Durfte man anlässlich der Verleihung nur einen kleinen Ausschnitt ihres Programms „Die Diplom-Animatöse“ sehen, kam das Unterhaus-Publikum jetzt in den Genuss der ganzen Show. Die ist rasant, denn Christine Prayon verzichtet anfangs bewusst auf jedwede Struktur, spielt mit verschiedenen Ebenen. So dauert es lang, bis sie endlich „persönlich“ auf der Bühne erscheint: Als naive „Braunine“ macht sie sich erst mal köstlich zum Affen, mimt grausam realistisch Florian Silbereisen und tanzt zum Kinderlied vom Band („Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn“) als Gogo-Girl – sie kann sich’s leisten und lustvoll körperbetont löst sie das Haarband.

Dann endlich: Sie selbst. Oder klappt nur eine weitere Dimension ihrer Persönlichkeit auf? Noch nicht: Denn jetzt erfährt das Publikum, warum sie nicht ankommt. Fraglos tun die erzählten Witze und Wortspiele weh, aber Prayon geht derart brachial darüber hinweg, dass sie eben doch amüsiert. Als Marktlücke hat sie die Imitation schlechter Imitatoren für sich entdeckt. Auf so etwas muss man erst mal kommen! Chuzpe ist Prayons zweiter Vorname.

Als bekennende Schizophrene gibt sie alsbald die Bühne frei für ihre multiplen Persönlichkeiten: Polyglott wird hier über Generationsgrenzen hinweg gestritten, sogar eine Katze wohnt in ihr! Wie die erfolgreichen TV-Kolleginnen Anke Engelke und Martina Hill füllt Prayon mit kraftvoller Präsenz ihre Charaktere aus – und braucht für diese Realsatire noch nicht mal Studio oder Kulisse. Da merkt man, dass in ihren Adern der Lebenssaft einer Vollblutschauspielerin fließt.

Diese Künstlerin steckt voller Ideen: ein Strip, der auch vor Körperteilen nicht halt macht, ein minziger Allergieschock mit letalem Ausgang, die Wiederauferstehung als Moderator, der den eigenen Abgang kommentiert, Nachrufe. Und peng – da ist sie wieder: als italienischer Gastronom, Carla Bruni oder mit einem Poem, für das sie Mario Barths Plattitüden kunstvoll ins Versmaß zwängt. Hier definiert eine den Begriff „Frauenkabarett“ neu – wenn sie ihn nicht per se verkörpert.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter http://www.christineprayon.de.

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