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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Verstörend und betörend

MAINZ (5. November 2014). Autsch: Während eines Gastspiels bei Kollege Urban Priol fiel die Kabarettistin Christine Prayon zwar nicht beim Auditorium durch, aber unglücklich hin. Die Folge: ein schmerzhafter Bänderriss – für eine Bühnenkünstlerin, die wie sie mit vollem Körpereinsatz spielt, natürlich eine Katastrophe. Nicht so für ihr Publikum, denn durch das Handicap kam es im Mainzer Unterhaus jetzt in den Genuss einer besonderen Version des Programms „Diplom-Animatöse“.

Der erste Teil war gestrichen, dafür las Prayon Texte, die bisher noch nirgendwo gedruckt wurden. Und je mehr man davon hörte, umso unverständlicher ist das. Angeblich findet die Künstlerin keine Ruhe, das geplante Buch zu vollenden, immer wieder käme ihr etwas dazwischen: „Mal ein Kind, mal ein Bänderriss.“ Das aber, was sie in den vergangenen Jahren zu Papier gebracht hat, ist so grandios, dass man sich nicht satt daran hören mag.

Da ist der „Scarlett Schlötzmann“-Zyklus, eine Anthologie von Briefen von und an jene „Dame“, die das Publikum im Alter von sieben Jahren kennenlernt, als es von Gott verlangt, den Bruder bis Weihnachten kalt zu stellen – für sie selbst reiche etwas von Playmobil. Mit 15 ist sie in den Mathelehrer verliebt, mit 25 schreibt sie nach Jahren als Pornodarstellerin eine Bewerbung für eine Stelle in der Buchhaltung. Auch die Absage wird vorgetragen.

Oder Scarlett verfasst einen Frauenroman um Conni, Gitta und Lulu, denn laut Prayon bringt die Autorin die perfekten Voraussetzungen dafür mit: „Gut abgehangene Klischees und eine gehörige Portion Mittelmaß.“ Das mitgelieferte Manuskript ist denn auch herrlich unerträglich verfasst – doch so, wie die Kabarettistin „ihr“ Machwerk vorliest, könnte es ruhig den Abend füllen.

Christine Prayon hat nicht nur eine intensive Bühnenpräsenz, sondern eine besondere Gabe: Sie bindet ihr Publikum mimisch so eng an sich, dass es ihr selbst den größten Nonsens dankbar abkauft. Das Spiel im zweiten Teil ist stark und überzeugend: Sie gibt den schmierigen italienischen Pizzabäcker, strippt, singt und erleidet sogar einen fulminanten Bühnentod. Die TV-Gemeinde kennt sie auch als „Birte Schneider“ aus der „heute-show“ des ZDF, wo sie mit satirischer Schärfe agiert.

Der Abend im Unterhaus aber ist ungleich vielschichtiger. Da geht es um Frauenbilder und Feminismus, dessen revolutionäre Kraft die bestehende Ordnung zementiere und daher durch Frauenzeitschriften und Shoppingmöglichkeiten auf kleiner Flamme gehalten werde; da wird die Clownsnase aufgesetzt und ein Glas Nutella führt zur Ehekrise, von Mario Barths Plattitüden in Versmaß gebracht ganz zu schweigen.

Diese Künstlerin ist nicht für den Mainstream gemacht, sie will verstören. Dabei spielt Christine Prayon das, was sie in ihrem aktuellen Programm vorgibt zu sein, mit Bravour: eine multiple Persönlichkeit, die die Bühne mit all ihren schillernden Farben ausleuchtet. Bitte mehr davon: im Kabarett, im Fernsehen und hoffentlich irgendwann auch im Bücherregal.

Eine sehenswerte Kostprobe gibt es im Internet unter http://www.youtube.com/watch?v=7C_hc1PcWCg!

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