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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wechselbad der Stimmungen

MAINZ (2. Juni 2015). Sind Politiker und andere Würdenträger die berühmten hundert Tage im Amt, fragt man sie gerne, wie sie ihre Aufgabe bisher erfüllt haben. Der Kabarettist Christoph Sieber, der jetzt im Unterhaus sein aktuelles Soloprogramm „Alles ist nie genug!“ spielte, erhielt tatsächlich just an diesem Abend vor genau hundert Tagen an Ort und Stelle den Deutschen Kleinkunstpreis 2015. Zwar füllt er damit kein Amt aus, doch sieht der gebürtige Schwabe seinen Beruf spürbar als Aufgabe.

Dabei ist er Realist: „Wenn Kabarett etwas bewirken könnte, bräuchte ich heute hier nicht zu stehen.“ Was schade wäre, denn Sieber ist ein faszinierend profilierter Kleinkünstler, der sein satirisches Skalpell punktgenau anzusetzen versteht. Ein weiteres Pfund, mit dem er punkten kann, ist seine grundsympathische Juvenilität, die er auch als Mittvierziger reichlich versprüht. Und das, was er zu sagen hat, hat Hand und Fuß, schlägt einen durch eine ausgewogene Melange aus wirklichem Tiefgang und herrlich zugespitzter Komik unmittelbar in seinen Bann.

„Bewahren Sie sich Ihre gute Laune, Sie werden sie noch brauchen“, mahnt und warnt Sieber zugleich. Er beklagt das Verkümmern des wichtigsten Gefühls einer menschlichen Gesellschaft: des Zorns. Die Regierungen hätten an seine Stelle die Entsolidarisierung gesetzt und bauten auf die Gleichgültigkeit. Prompt formuliert Sieber ein Trennungsgesuch, in dem sich die Politik des lästigen Volks entledigen will. Das ist komisch, lustig ist es nicht.

Der Kabarettist zeigt, dass er mit Bällen jonglieren kann – noch besser gelingt ihm dies mit der Stimmung im Auditorium: Gerade hat er noch einen Schenkelklopfer rausgehauen, dann setzt es die schallende Ohrfeige und die kunstvolle Pointe entfaltet in entsetzter Totenstille ihre volle Wirkung: „Die Jungen saufen so viel, dass die Alten vom gesammelten Flaschenpfand leben können“, ortet Sieber den „sozialen Ausgleich“ mit einer Direktheit, dass es einem eiskalt den Rücken runterläuft. Geschickt platziert er mehrere solche geistigen Minen und erzeugt somit hochgespannte Aufmerksamkeit.

Natürlich gibt es viel zu lachen an diesem Abend. Sieber ist auch ein Erzkomödiant, der mit gekonnter Übertreibung spielt. Doch immer wieder sickert der bissige Humor durch, der einen an den Gehirnwindungen packt. Blatters Rücktritt wird touchiert, das No-spy-Abkommen. Aber da ist auch dieser fast schon wieder vergessene Ukraine-Konflikt: „Das Einmarschieren in fremde Länder muss nicht immer militärisch erfolgen“, beschreibt der Kabarettist die wirtschaftliche Verzahnung der Weltpolitik, die den Krieg jedoch immer noch zu oft als Mittel zum Zweck ins Auge fasst.

Auch wenn Sieber seine Programme von Mal zu Mal routinierter spielt, wirkt seine Empörung nicht einstudiert – sie ist immer wieder echt. Und so bleibt an diesem Abend vieles hängen und krallt sich einem geistigen Widerhaken gleich im Bewusstsein des Zuschauers fest. Ob die Politik den eingeforderten kollektiven Wutschrei des Publikums im fernen Berlin gehört hat, ist nicht wichtig: Man selbst erinnert sich daran. Das allein zählt.

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