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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Vollprolette in Pink regt zum Nachdenken an

MAINZ – Ilka Bessin hat, will man ernst zu nehmenden Vertretern der Kabarettisten-Zunft Glauben schenken, wenig mit ihrem Alter Ego, der „Cindy aus Marzahn“ gemein, das im pinkfarbenen Habitus daherkommt, dessen Stil allein bei zart besaiteten Gemütern einen verständlichen Brechreiz verursachen mag. Grell überschminkt und gar furchtbar anzusehen kehrt sie als Cindy ihr Äußeres nach innen und retour.

Sie hätte so gar nichts von einem zarten Gretchen – selbst in einer noch so modernen und skandalträchtigen Inszenierung nicht. Und doch weckt Ilka Bessin mit ihrer Kunstfigur der „Cindy aus Marzahn“ das Faustische im Zuschauer: Zwei Seelen wohnen, ach! in seiner Brust! Die eine gehört dem hehren Intelektuellen, dem das, was jene Cindy dort auf der Bühne im Kurfürstlichen Schloss sagt, die Tränen der Verzweiflung in die Augen schießen lässt. Derweil sich Seele Nr. 2 gar köstlich amüsiert ob dieser prekären Vertreterin des modernen Prekariats.

Was Cindy an Stil und Noblesse abgeht, legt Ilka Bessin an Selbstbewusstsein wieder drauf: Mit einer – beneidenswert intensiv – auf die eigene Person fixierten Ironie wuchert sie mit jedem ihrer zahlreichen Pfunde. Und solche Solidarität wird durchaus belohnt, sieht man im Publikum doch überdurchschnittlich viele Frauen mit einem etwas höheren Wohlfühlgewicht.

Und noch etwas besticht an Bessin: Es ist diese Schlagfertigkeit eines Presslufthammers, mit der sie auf Tuchfühlung mit ihren Fans geht. Wer zu spät kommt, den bestraft nicht nur das Leben schon hart genug: Auch Bessin gibt noch ihren Senf dazu – und der ist scharf. Schlecht für denjenigen, den es trifft – ergötzlich für den Rest des Publikums.

Mit ihrem Programm, das Cindy als Alternative zum Knast absolviert, zieht sie das Leben kurz vor der Gosse auf: Hartz IV plus Kindergeld, wechselnde Herrenbekanntschaften und das Problem, dass nach dem Aufstehen zur Mittagszeit nichts Sehenswertes im Fernsehen läuft. Linoleum also statt roter Teppich heißt es für Frau Cindy, die sich über den Blumenkosenamen „Pissnelke“ freut und ihrem Freund Hassan verschleiert die Tüten nachträgt. Kein Wunder, dass sie hier pädagogisches Fingerspitzengefühl walten lässt und auf den Wunsch von Tochter Jennifer Jaqueline Chantal Janice nach einem Weihnachtsbaum leicht gereizt reagiert: „Wenn Du Nadeln willst, geh‘ doch auf’n Kinderspielplatz!“

„Schizophren – ich wollte ’ne Prinzessin sein“ heißt das Bühnenprogramm von Cindy aus Marzahn, das in der imaginären Kulisse einer Plattenbausiedlung aus Pappklischee spielt. Und man fragt sich: Wie viel von Ilka Bessin steckt in ihrer groß- wie schlappmäuligen Cindy – und umgekehrt? Fakt ist, dass die Darstellerin der Cindy weiß, wovon sie spricht, selbst eine Zeit von der Stütze lebte und sich daher über ihre Ex-Leidensgenossen nicht lustig machen will.

Dass man dennoch lachen kann und darf ist der schreienden Überzeichnung, mit der Bessin hier spielt, zu verdanken. Sie, die in Wirklichkeit Ausbildungen zur Köchin und Hotelfachfrau absolviert hat, wollte sich mit dem Ende der beruflichen Karriere noch vor ihrem Beginn nicht abfinden und unternahm das Himmelfahrtskommando des freien Künstlerlebens: Ihre Figur der Cindy ist ordinär, doch liegt ihre Originalität im Mangel an Distanz, mit der sie das Leben betrachtet – und damit irgendwie meistert.

Der Clou ist der Widerspruch zwischen Ilka und ihrer Cindy: Stand die eine am Abgrund und kehrte ihm offensichtlich selbstdiszipliniert und mit einer witzigen Idee den Rücken, schmeißt sich die andere ihm mit voller Wucht in die Arme und aalt sich genüsslich als unansehnliches Strandgut im Brackwasser des Banalen.

Das Amüsement zieht der Zuschauer sicherlich zu einem guten Teil aus der Hybris dessen, der noch nicht seinen Platz am amtlichen Auszahlungsschalter, auf der Straße gar oder letztendlich in den Talkshows der Republik gefunden hat – und schlittert so unmerklich in seine eigene Schizophrenie: Denn eigentlich ist das, was Ilka Bessin uns da auf der Bühne vorführt, nur grotesk, ja geradezu tragikomisch – so richtig heiter will es einen am Ende doch nicht stimmen. Insofern erlebt man von dieser mit Comedy-Preisen reich dekorierten Künstlerin wider Willen letztendlich doch satirische Schärfe, ja fast schon Kabarett.

Und da sind sie wieder, die zwei Seelen, die doch in einem übereinstimmen: Was die Vollprolette Cindy den Abend über erzählt, mag ja zuweilen furchtbar einfach und einfach furchtbar sein. Doch wie sie das tut, das hat schon eine eigene Klasse. Und so muss man Ilka Bessin und ihre Cindy als Gesamtkunstwerk betrachten. Irgendwo im Programm fällt das Wort Eigeninitiative: Wenn Cindy darunter versteht, den Fahrstuhl im Plattenbau tageweise als Fun-Event zu vermieten, ist das durchaus als Allegorie zu begreifen…

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