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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Die unerträgliche Seichtigkeit in Mainz

MAINZ – Manchmal sind die gemurmelten Randbemerkungen die wichtigen: „Ich komm‘ heute irgendwie nicht rein“, bekennt Ilka Bessin alias „Cindy aus Marzahn“ nach 15 Minuten belanglosen Geplänkels vor ausverkaufter Phönixhalle.

Dieser Satz hallt länger als gewünscht, ja befürchtet nach, wird gar zum Offenbarungseid jener Kunstfigur, die bei ihrem Mainz-Gastspiel 2008 mit brachialem Prekariats-Humor dem prunkvollen Ambiente des Kurfürstlichen Schlosses lustvoll die angestaubte Unschuld raubte. Schon damals war klar: Ihrer Fans sind viele. Und sie wollen mehr.

Was sie jetzt bekamen, war allerdings mehr als weniger: Beeindruckte Bessin vor einigen Wochen in ihrer eigenen Fernseh-Comedy „Cindy und die jungen Wilden“ noch mit wirklich witzigen, weil vor Selbstironie triefenden Einspielern, in denen sich die kompakte Komparsin als Musical-Darstellerin, Besser-Esserin in Lafers Stromburg, Tanzschülerin, Opernball-Besucherin oder verschuldete Zwegat-Klientin herrlich leichtfüßig auf den Arm nahm, hebt sie sich mit ihrem neuen Programm „Nicht jeder Prinz kommt uff’m Pferd“ einen Bruch.

Das opulente Bühnenbild, das ein mit frischem Pinselstrich in die Tristesse einer Plattenbausiedlung montiertes Schloss Neuschwanstein zeigt und von einem riesigen Thron beherrscht wird, ist grandios. Doch dass sich „Frau Cindy“, wie Bessin ihr alter ego nennt, einmal mehr mit Berliner Schnauze in die Traumwelt der Gescheiterten flüchtet, bleibt aus.

Stattdessen reduziert sich die mehrfach mit Comdey-Preisen ausgezeichnete Göre auf ihren in Rosa gehüllten Körper. Das mag anfangs noch lustig sein, kippt jedoch allzu rasch ins Belang- und Geschmacklose. Die Witze haben ein solch unterirdisches Niveau, dass sich jeder anständige Stift weigert, mitzuschreiben. Das können ja sogar die Kollegen Barth oder Pocher besser!

Der anfänglichen Einsicht, nicht so richtig rein zu kommen, folgt das muntere Bekenntnis, sich bei ihrem neuen Programm rein gar „nischt“ gedacht zu haben. Das Publikum begrüßt aber auch diese Erkenntnis mit johlendem Applaus, der die wenigen schlagfertigen Spitzen des rundlichen Rosa im Rampenlicht schnell abschleift.

Was ist nur aus dieser bellenden Jeanne d’Arc des Berliner Ostens geworden? Wichen die Einfälle der Einfalt oder treibt sie ein profitorientierter Manager, für den Qualität ein Fremdwort ist, erneut auf die Bühne, um das Eisen zu schmieden, so lange es noch heiß ist? Statt der robusten Finesse gibt es jedenfalls nur noch rabiate Fäkalien. Und so geht man irgendwann verärgert nach Hause – erschüttert über so viel Seichtigkeit in Mainz.

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