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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Cooles Cabaret? Jazz oder nie!

MAINZ (16. September 2011). Da man sich im überhitzten Weltgetriebe schnell die Finger verbrennen kann, setzen Pigor & Eichhorn in ihrem neuen Programm „Volumen 7“ auf Abkühlung: „CoolCabaret“ heißt es: „Cabaret mit C – wir holen uns das Genre aus dem Rotlichtmilieu zurück“, erklärt Pigor und will das Wort Kleinkunst aus dem deutschen Wortschatz streichen. Zu Recht, denn das, was dem ungleichen und dadurch umso harmonischeren Duo gelingt, ist mal wieder große Kunst, zu der es diesmal von zwei Musikern begleitet wird: Sefan Gocht (Tuba und Bassposaune) und Emanuel Hauptmann (Schlagzeug).

Den Jazz wollen Pigor & Eichhorn für die Temperierung ihres „CoolCabaret“ einsetzen: Coolen, handgemachten Jazz, für den Gocht und Hauptmann genau die richtigen sind: Ihr Spiel bringt das Cabaret, jenen Drehteller mit Text, Musik, Liebe, Witz und Erregung, so richtig in Schwung, wenn Pigor seinen Alleinherrschaftsanspruch auf der Bühne unterstreicht und Eichhorn wieder „begleiten muss“: diesmal nicht nur am Klavier, sondern auch auf einem Fender-Rolls-E-Piano aus dem Jahr 1967.

Musikalisch also wieder auf höchstem Niveau sind auch die Texte von Pigor & Eichhorn stets auf der Höhe der Zeit und strotzen von Aktualität: Gleich im ersten Song hat man den Blues und singt von einem nicht rauchenden Kneipengast, der qua Gesetz zum Platzhalter degradiert wird, wenn die qualmenden Gäste sich zum Tabakkonsum vor die Tür begeben müssen.

Um „olfaktorisches Rauditum“ geht es in „Parfüm“ und um ölige „Realpolitik“ im Außenministerium, die dem Volk die „Wahl zwischen Moral und Arbeitsplätzen“ lässt und dabei die Argumente der Waffenindustrie betont. Bissig fragt sich Pigor, ob das Zölibat 2019 wohl fällt, ob man „aus heiterem Himmel ein Einsehen hätte“. Von da aus ist es thematisch gar nicht weit zum Song, der mit der Aufzählung der sich häufenden Skandale um Drogen, Sex und Youtube die Scheinheiligkeit einer sich echauffierenden und gleichzeitig nach Neuem gierenden Gesellschaft brandmarkt.

Pigor & Eichhorn sind einfach so gut, dass alle Welt sie hören müsste, weswegen sie einen Teil ihres Programms auch in leicht verständlichem Englisch formulieren: In einem „Global Pidgin“ streichen sie die Einbrüche der Anglizismen in die deutsche Sprache mit grellem Textmarker an und Eichhorn übersetzt das anglophile Treiben im Computergehäuse ins Deutsche, so dass man die Weltsprache zum Verstummen bringen möchte: „The language of Shakespeare you can smoke in the pipe.“ Auf Englisch erklärt Pigor auch endlich abschließend den Unterschied zwischen Comedy und Kabarett derart engagiert, dass man meint, John Cleese persönlich stünde auf der Bühne.

Vielleicht fehlen dem einen oder anderen die Ohrwürmer vorangegangener Programme, die dann eher in den Zugaben ihren Platz haben, doch der neue Mix aus grandiosen Jazz-Musikern mit fesselnden Soli und die erwachende Emanzipation Eichhorns machen „Volumen 7“ zu einem packenden Panoptikum aus akzentuierten Momentaufnahmen und klaren Statements.

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