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Jan-Geert Wolff

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Der Deutsche Kleinkunstpreis 2017 geht an...

MAINZ (2. November 2016). Die Namen, die die Fach-Jury in ihrem über vierstündigen Findungsmarathon diskutierte, um schließlich die Träger des Deutschen Kleinkunstpreises 2017 zu küren, unterliegen der Geheimhaltung. Eigentlich schade, denn wie beim Oscar wäre es ja auch beim wichtigsten Kabarettpreis des Landes eine Ehre, zumindest nominiert gewesen zu sein. Außerdem dokumentiert die Menge der eingereichten Vorschläge die Lebendigkeit der deutschsprachigen Kleinkunstszene.

Zum Schluss waren alle informiert und hatten zugesagt, zur Aufzeichnung der Preisvergabe am 5. März im Unterhaus zugegen zu sein, was Voraussetzung für die mit jeweils 5000 Euro dotierte Auszeichnung ist. Dann begrüßt das Unterhaus also Tobias Mann (Sparte Kabarett), das Duo „die feisten“ (Chanson/Lied/Musik) und Nico Semsrott (Kleinkunst); den Förderpreis der Stadt Mainz zum Deutschen Kleinkunstpreis erhält die Schweizerin Hazel Brugger, den Ehrenpreis des Landes Rheinland-Pfalz der Liedermacher Konstantin Wecker.

Als der Mainzer Tobias Mann von der Auszeichnung erfuhr, passierte ihm nach eigener Aussage etwas, was in seinem Beruf eher ein Hindernis ist: „Ich war sprachlos. Danach dann das entgegengesetzte Problem: Ich durfte es zunächst nicht erzählen. Und wer mich kennt, weiß: Schweigen fällt mir eher schwer.“ Mann, der am Abend der Jurysitzung einen Auftritt im Stuttgarter Renitenztheater zu absolvieren hatte, berichtet von den Auswirkungen seines Jubels: „Das hat in dem Stuttgarter Café, in dem ich während des Anrufs saß, schon für eine gewisse Aufmerksamkeit gesorgt. Ich kann es immer noch nicht fassen und bin sehr stolz und dankbar.“

Die Jury zeichnet mit Tobias Mann einen Kabarettisten und Musiker aus, der das Leben und die Politik aufmerksam im Blick und die spezielle Art seines Hochgeschwindigkeitskabaretts sukzessive beschleunigt habe: „Als Entertainer fesselt er sein Publikum mit Leichtigkeit, als politischer Kabarettist nutzt er die Aufgeregtheit der Comedy. Über die Jahre ist der leidenschaftliche Musiker zu einer wichtigen Stimme seiner Generation geworden.“ Der Preis sei für ihn Ansporn, seinen bisherigen Weg konsequent weiterzugehen, versprach Mann.

Nicht kleiner war die Freude bei den beiden Musikern Mathias „C.“ Zeh und Rainer Schacht. Laut Jury singen sie ihre Lieder mit Parodie, heiterem Spott und paradoxem Weltverständnis sowie Selbstironie. „die feisten” böten „meisterhaft komische Miniaturen aus dem nicht selten absurden deutschen Alltag“.

Den Preis in der Sparte Kleinkunst erhält Nico Semsrott, der dem Motto „Freude ist nur ein Mangel an Information“ folgt. Laut Jury steckt unter seiner dunklen Kapuze ein heller politischer Kopf, der mit seiner Performance gezielt frustriere, denn depressiv zu sein sei für ihn eine Lebenseinstellung, von der die Menschheit überzeugt werden müsse. Deswegen werde Semsrott diesen Preis vermutlich als hinterhältigen Mobbing-Versuch empfinden.

Den Förderpreis der Stadt Mainz bekommt Hazel Brugger, die in ihrer Schweizer Heimat bereits ein Star ist. Der Jury gefällt Bruggers eigenwilliger Blick auf die Welt und sich selbst. Sie trete zwar unscheinbar und fast harmlos auf, katapultiere sich aber in ihren Texten mit bösem, schwarzem und oft auch absurdem Humor in ihr ureigenes Universum: „Das Publikum muss einfach mit. Ihre Schlagfertigkeit und ihre Gabe, tief in die Psyche der Zuschauer einzudringen, begeistern.“

Der Ehrenpreis geht an Konstantin Wecker und damit laut Jury an einen „streitbaren Liedermacher und unbeugsamen Moralisten, der sich überall einmischt, wo eine starke Stimme gebraucht wird. Er ist ein poetischer Träumer und eine wuchtige Urgewalt. In seinen Liedern kleidet er großes Pathos in mediterrane Grandezza und auf der Bühne entwickelt er eine Strahlkraft, der sich niemand entziehen kann.“

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