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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Der Kumpel aus Essen-Kray geht in den Mutterschutz

MAINZ – Vollproll oder Comedian? Zumindest ist dieser Atze Schröder ein Phänomen, ein Phantom sozusagen: Häppchenweise in zielgruppengerechten Fernsehshows und der (nicht zuletzt dank seiner illustren Komparsen erfrischend kurzweiligen) Sitcom „Alles Atze“ unterhält er sein Publikum als das, was er auch im Otto-Film „7 Zwerge“ spielt: Er gibt den Hofnarren.

Und der darf, wie man weiß, eigentlich alles. Der Mann dahinter bleibt allerdings verborgen: „Atze Schröder“ ist markenrechtlich geschützt und wer den wahren Namen des Possenreißers verrät, den bringt dieser rasch vor den Kadi.

So tritt dieser komödiantische Batman eben als Atze Schröder auf, der die Bastion des Prekariats in Essen-Kray ausgemacht hat und sie mit lockigem Schopf und pilotenbrillenbewährt gegen den Unbill des hehren Niveaus verteidigt. Schröders Humor ist berechenbar und bewusst einfach, ohne sich allerdings anzubiedern.

In der restlos ausverkauften Mainzer Phönixhalle präsentierte er jetzt sein Programm „Mutterschutz“, dessen Titel – der Inhalt tangiert ihn indes nur an wenigen Stellen – natürlich bestens zum 1. Mai, dem Tag der Arbeit, passte. Was einem Proll-Mimen wie Atze Schröder, dessen Anspruch so tief gelegt ist wie einst der auf Asphaltkratzer getunte Opel-Manta, natürlich wunderbar Gelegenheit gibt, als Stereotype in Person aufzudrehen.

Da hat Fußballer Schweini eine neue Freundin: Model, blond und Schmuckdesignerin – für Schröder ein anderes Wort für arbeitslos. „Spicegirl Victoria Beckham trägt jetzt Jeansgröße 0 und ist in Venedig bereits von Tauben gefüttert worden.“ Und Familienministerin von der Leyen fordert 1000 Krippenplätze? „Wo es doch kaum noch Esel gibt und Melchior ausgewiesen wird.“ Zwischen Plattitüden blitzt auch mal kurz der Geist auf: Als Schröder sich über die Berater-Sendungen des Unterschichtenfernsehens lustig macht, trifft die doppelbödige Ironie ins Schwarze.

Dass der Großteil der meist derben Scherze nicht – zumindest nicht schon nach fünf Minuten… – die Hirnschale zum Bersten bringt, liegt an der unbekümmerten und damit durchaus auch gewinnenden Art, mit der der Comedian agiert: Die Nähe zu seinem Publikum stellt Schröder durch den Regiolekt des Ruhrdeutsch her, jener weich klingenden „Kumpelsprache“, die schon Jürgen von Manger als Adolf Tegtmeier oder, aktueller, Uwe Lyko als Herbert Knebel geschickt einsetzt(e). Und daher kommt es auch bei diesem Comedian in erster Linie eben nicht auf den Inhalt, sondern vor allem auf die Verpackung an.

Das funktioniert anfangs noch richtig gut: Auch der platteste Witz wird zum Schenkelklopfer – „Ja nee, is‘ klar“ eben. Da wird die Mutter ruhrpöttisch mit dem Satz „Jennifer, komm‘ in Auto“ zitiert und sofort eins drauf gesetzt: „Das kricht mit 30 ‘ne andere Bedeutung.“ Besonders im zweiten Teil des Programms schrammt Schröder aber nicht selten am „Niveau“ eines Oliver Pochers oder Mario Barths entlang – eigentlich schade.

Der Witz Schröders ist geradeheraus direkt, dabei nicht selten ordinär und simpel. Zartere Gemüter würden das vielleicht als brutal bezeichnen, zumal er keinen Hehl daraus macht, lieber mit dem Knüppel der Comedy als mit dem Degen des Kabaretts zu fechten. Obwohl seine Pointen besser wirken, wenn sie sich wie in der TV-Serie „Alles Atze“ in anderen Mitspielern spiegeln können, kommt hier selbst der Schöngeist nicht umhin, sich im „Mutterschutz“ auch mal ohne allzu viel Grübeln zumindest ein wenig zu amüsieren.

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