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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Über die letzten Dinge

MAINZ (4. Dezember 2014). In der Umgangssprache ist das Lebensende mit drei Buchstaben oft anzutreffen: Jemand ist todkrank oder sterbensmüde, man lacht oder schuftet sich tot oder ist zumindest schon leichenblass. Wird es konkreter, rückt der „Schnitter“ also tatsächlich näher oder schlägt jäh zu, verstummt man – zu lachen gibt es dann nichts mehr. Umso besser, wenn sich der Tod wie jetzt auf der Unterhaus-Bühne auf so unterhaltsame Weise ins Spiel bringt.

Wer da unter der schwarzen Kutte steckt, ist wohl nur den Veranstaltern bekannt, die die Gage schlecht auf dem örtlichen Friedhof hinterlegen werden. Der Öffentlichkeit entzieht sich der Mime auf geniale Art: Nirgendwo findet sich eine Spur, nicht im Internet und nicht beim Fischer-Verlag, wo er unter dem Titel „Mein Leben als Tod“ bereits ein Buch veröffentlicht hat. Ein gewisses Mysterium muss eben bleiben, wenn es um die letzten Dinge geht.

Am Anfang steht jedoch die „Vorgruppe“: das „blühende Leben“. Im farbenfrohen Kostüm singt es so schräge Lieder, dass man bald eine gewisse Todessehnsucht verspürt. Dessen Auftritt beginnt mit unheilvollem Donnergrollen, Geheule und Nebel – so viel Klischee darf sein. Statt einer drohend tiefen Stimme aber ertönt es glockenhell aus dem Schwarz der Kuttenkapuze, irgendwie putzig. Der Tod will sein Image aufpolieren, hat er doch „dasselbe Problem wie Florian Silbereisen: Mit sterben die Fans weg.“ Er selbst spielt lieber Blockflöte.

Wortverspielt erzählt er aus seinem Alltag, lässt das Publikum Radieschen von unten ansehen, zelebriert singend den Totentanz und beschreibt das Jenseits: „Da gibt es Schlecker, Praktiker, Quelle – und bald auch Karstadt.“ Gerne könne man ihn buchen: „Für Familienfeste oder NPD-Parteitage.“ Entsprechend beflaggt stellt er klar, dass der Tod ein Meister aus Deutschland ist und zeigt eine morbide Bildershow mit herrlichen Varianten der Friedhofsbeschilderung: über Wahlplakaten oder weiteren Wegweisern, unter anderem zur nächsten Skisprungschanze.

Aber ist ausgerechnet der Tod ein Thema zum Scherzen? Ja doch, wenn man es so intelligent macht wie dieser Exitus: Er verletzt mit seiner „Death-Comedy“ kein Tabu, sondern macht sich im Vehikel der ironischen Brechung durchaus ernste Gedanken. Ein schöner, im Buch geäußerter ist jener, dass man vor dem Tod keine Angst haben müsse – er beende nicht das Leben, sondern hole einzig die Seele ab. Wenn er so wie im Unterhaus daherkommt, verliert das Ende tatsächlich seinen Schrecken.

Wie heißt es bei den „Bremer Stadtmusikanten“: „Etwas Besseres als den Tod findest Du überall.“ Hier aber straft der kleinkunstvoll dargestellte Sensenmann die Brüder Grimm Lügen: An diesem Abend hat er die Lacher auf seiner Seite, liefert mit seiner grotesk-makabren Idee schlicht eine pfiffige Show ab. Und außerdem gibt er einem Rezensenten die Möglichkeit der Jenseitsvorsorge: Wer den Tod im Diesseits nicht mit einem Verriss bestraft, hat später vielleicht bessere Karten…

Wer den Tod mal kennenlernen möchte, dem sei dieser Link empfohlen: https://www.youtube.com/watch?v=3xtOetEuxsI&list=PLz4EY-0JwXB2KbooZtJ1wGfYUSmB9DRn6 .

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