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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Vergnügliche Nahtoderfahrung

MAINZ (11. Mai 2017). Da steht er auf der Bühne im Unterhaus, klassisch in schwarzer Kutte: Der Tod höchstpersönlich. Wer jüngst einen Angehörigen verloren hat, dürfte darüber kaum lachen können. Oder doch? Abgesehen davon, dass Trauernde selten ins Kabarett gehen, zeigt sich der Schnitter hier von einer ganz anderen, ja sympathischen Seite.

Der düstere Eindruck verfliegt, als aus dem schwarzen Oval der Kapuze ein schüchterner Tenor erklingt. Der Dichter Paul Celan nannte den Tod „ein Meister aus Deutschland“ – offenbar hatte er Recht. Doch es gibt keinen Grund zu zagen: Das, was hier gespielt wird, ist mindestens zum Kranklachen – die Respektlosigkeit ist entwaffnend, denn wovor man die größte Angst hat, empfiehlt sich als witziger Kumpel.

Seit ein paar Jahren treibt der Sensenmann in der Szene sein Unwesen. Wer dahintersteckt, ist nicht bekannt – auf der Homepage firmiert nur eine Berliner Agentur. Im Netz ist der Gevatter ohnehin rege unterwegs – auf Youtube kann man ihn über Donald Trump oder die Elbphilharmonie spotten hören. Keine Frage: Hier hat jemand mit einem frechen Kunstgriff eine Nische gefunden, die ihm keiner streitig machen kann. Chapeau!

Live ist ein Auftritt des Todes aber immer noch das größere Erlebnis, obwohl das geistreiche Warm-up mit Seelenschiffer Charon und Praktikantin Exitussi etwas langatmig ausfällt. Der Tod erweist sich als veritabler Wortspieler, erschreckt verstorbene AfD-Wähler, indem er sie auf Arabisch begrüßt und empfiehlt sich als serviceorientierter Reiseanbieter in die Ewigkeit. Bislang habe nur Jesus von seiner Rücktrittsversicherung Gebrauch gemacht: „Der Typ ist für mich gestorben – für Euch übrigens auch.“ Als neue Idee wird geknobelt: „Bei 1 bis 5 musst Du sterben, bei einer 6 darfst Du noch mal würfeln.“

Der beste Gag dieser multimedialen Show mit Puppenspiel entsteht jedoch aus dem Stegreif: Nach ihrer Erfahrung mit dem Tod gefragt verrät eine Zuschauerin prustend, sie habe in einem Hospiz gearbeitet. Vielleicht mag der eine oder andere ob eines solchen Tabubruchs die Nase rümpfen, doch hinter der morbiden Komödie steckt mehr als schwarzhumoriges Amüsement: Ein Abend mit dem Tod kann philosophische Fragen um das Ende des Seins nicht beantworten – aber dem Grübeln vielleicht ein wenig seiner Schwere nehmen.

Am Ende seiner Show sammelt der Tod in einer Sparbüchse für soziale Projekte, die mit ihm zu tun hätten, und stockt den Betrag dann monatlich jeweils um 500 Euro auf. Aktueller Adressat ist das Kinderhospiz Bethel.

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