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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Komödie ohne Witz

MAINZ (18. November 2015). „Im Namen der Raute“ heißt das Stück der „Distel“, mit dem man im Unterhaus gastierte. Es handelt, das ist klar, von der Kanzlerin. Ihr Regierungsantritt jährt sich am Wochenende zum zehnten Mal, was das Berliner Ensemble zum Anlass nimmt, sich die Kanzlerin und ihre Politik zur Brust zu nehmen.

Doch schon der Titel birgt Gefahrenpotenzial: Wer Merkels Wirken auf „die Raute“ reduziert, macht es sich zu leicht. Und so treten in der Folge natürlich auch Ursula von der Leyen mit Föhnfrisur und ein dicker Sigmar Gabriel auf. Merke: Ein ausstaffiertes Jackett bedeutet noch keinen Inhalt.

„Im Namen der Raute“ hat natürlich eine Handlung: Es geht um eine Brautentführung, die die Protagonisten ins Hotel „Adlon“ verschlägt, wo gerade die Vorbereitungen für ein Treffen zwischen Angela Merkel und Barack Obama laufen. Abgesehen davon, dass der Rahmen doch arg zusammengezimmert ist, können sich auf dieser Leinwand natürlich rasante Szenen abspielen – sie tun es aber nicht.

Jürgen (Timo Doleys) hat also die Braut (Caroline Lux), in die er eigentlich selbst verliebt ist, entführt. Im Schlepptau hat er „Onkel Horst“ (Edgar Harter), der eigentlich kein Verwandter, sondern ein professioneller Hochzeits- und Beerdigungs-Schmarotzer und außerdem untergetauchter RAF-Terrorist ist: Unter dem Decknahmen „Käthe Ring“ war er für die Verpflegung zuständig. Klar, dass er sich sofort über die Häppchen der Staatsgäste hermacht.

Die drei Mimen spielen auch andere Figuren, darunter den Hotel-Manager des „Adlon“ mit französischem Akzent, eine aufdringliche Journalistin, die NSA-Agentin „Rose Buster“, einen trotteligen Kollegen vom BND, einen arbeitsunwilligen Berliner Verfassungsschützer und Soldaten.

Aber ging es nicht eigentlich um „die Raute“? Sie kommt auch noch, doch zuvor wird irgendwie alles (und alles irgendwie) aufs Tapet gebracht: das Freihandelsabkommen, der Lehrerberuf, die Energiewende, die Medien, die NSU. Beliebigkeit ist Trumpf, die Witze kommen eher flach daher und sind vor allem eines: alt. Aktualität mag im Oktober 2014, als die „Distel“ mit dem Stück Premiere feierte, vorhanden gewesen sein, doch mittlerweile ist sie verpufft.

Zwar sorgen Tilmann Ritter an Flügel und Keyboard sowie Multitalent Falk Breitkreuz mit Schlagzeug und diversen Blasinstrumenten für einen musikalischen Drive, doch bleibt die Darbietung über weite Strecken Stückwerk mit zuweilen peinlichen Momenten.

Jeder Pennäler möge den Vergleich entschuldigen, aber „Im Namen der Raute“ erinnert eher an überengagiertes Schüler-Kabarett, bei dem der Wille mehr zählt als Können, Inhalt und Aussage. Dem klassischen Ensemble-Kabarett wird zuweilen ein morbider Gout nachgesagt – ein Vorurteil, was zum Glück immer wieder pfiffig widerlegt wird. An diesem Abend spielt man den Kritikern des Genres jedoch in die Hände.

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