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Jan-Geert Wolff

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Berliner „Distel“ reist nach „Shanghai“

MAINZ – „Shanghai“ ist mittlerweile das 116. Programm der Berliner „Distel“ und widmet sich unterschwellig der Bedeutung des chinesischen Wortes für Krise: Katastrophe und Chance. Wenn also die Weltwirtschaft langsam zerbröselt, bedeutet das für viele sicherlich ein Desaster – für pfiffige Kabarettisten aber auch die Chance, gekonnt zu pieken. Und nichts anderes liegt in der Natur der „Distel“.

Die geschilderte Situation ist absurd: Politesse Gudrun Steppanski hat ausgerechnet ihrem Mann Klaus ein Knöllchen verpasst – und besteht auf dessen Bezahlung. Klaus, nicht gerade der geborene Revoluzzer, zahlt brav per Online-Banking. Und es wird noch absurder, denn statt die fünf Euro abgebucht zu bekommen, werden sie gutgeschrieben. Ein zweiter Versuch von Klempnerkollege Jochen führt zum selben Ergebnis, was diesen es gleich mal mit 1,5 Billionen Euro versuchen lässt. Zu Klaus’ Entsetzen ist er plötzlich steinreich. Doch wohin mit der Kohle, die ihm aus dem Land des Lächelns überwiesen wurde?

1,5 Billionen sind jetzt also auf dem Konto von Klaus Steppanski aus Berlin-Marzahn. Und sie fehlen natürlich in Fernost, wo das Wirtschaftssystem kollabiert. Im gelungenen Typenkabarett von Dagmar Jaeger, Stefan Martin Müller und Michael Nitzel treten illustre Charaktere auf: Klaus, der das Scheitern etwaiger chinesischer Sozialprogramme befürchtet und Gattin Gudrun, die aufgrund der asiatischen Produktpiraterie an ausgleichende Gerechtigkeit glaubt, Byzantinistik-Student Basti im 37. Semester (Gudrun: „Also ein sozialer Falschparker.“) und Träumer Armin, der ausgerechnet in Brandenburg einen Erlebnispark eröffnen will und hierfür gerne einen Kredit hätte.

Die Berliner „Disteln“, die musikalisch durch die Multitalente Matthias Lauschus und Bernd Wefelmeyer unterstützt werden, wissen natürlich um die Gefahr, dass sich eine solche Idee irgendwann tot gespielt hat. Auch als gutmenschlicher Spender scheitert Klaus Steppanski und bürokratische Hürden lassen ihm nur einen Ausweg: Er überweist die 1,5 Billionen einfach „an Deutschland“.

Doch weit gefehlt, wenn sich die liebe Seele nun in Ruhe wähnt! In der Talkrunde von Maybrit Illner zur plötzlich finanziell gesundeten Republik warnt der Politiker vor dem Kollaps: „Bisher haben wir alles über Schulden finanziert, jetzt bezahlen wir mit Geld, das wir haben – und das wird richtig teuer.“ Demonstrant Marotzke motzt darüber, dass die 2.500,- netto im Monat statt Hartz IV seinem Alltag die Struktur geraubt haben und eine Sozialwissenschaftlerin beklagt, dass im sanierten Staat die „deutschen Grundeigenschaften Hass und Neid“ nicht mehr zur Genüge ausgelebt werden könnten.

Innenminister Schäuble glaubt an einen Terrorakt und will das ganze Geld in Überwachung und Aufklärung investieren, dem BKA fehlt das Motiv für diese Großzügigkeit und ein Krisenstab im Kanzleramt laviert zwischen der Auslieferung Steppanskis und diplomatischen Querelen: „In den ersten Glückskeksen finden sich bereits deutschenfeindliche Parolen.“

Herrlich ist auch der Auftritt von „Schuldenberater Zwegat“, der der großen Koalition vorrechnet, dass sie trotz Billionenspende über ihre Verhältnisse lebe: „Den hohen Ausgaben stehen geringere Einnahmen aus Einkommens-, Mineralöl und Helmut Schmidts Tabaksteuer gegenüber.“

Mit ihrem lebendig gespielten Theater zieht die „Distel“ einmal mehr durch die bundesdeutsche Befindlichkeit und piesackt mit aktuellen Anspielungen, zwar erhobenem, aber moralinsäurearmen Zeigefinger und vitalem Ensemble-Kabarett. Womit der Beweis angetreten wäre, dass diese Gattung noch gut im Safte steht.

Die „Distel“ im Internet: www.distel-berlin.de

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