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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Die „Distel“ schreibt Geschichte – um

MAINZ (12. November 2010). Zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung flimmerten unzählige Dokumentationen über den Bildschirm. Und allein schon angesichts der Grau-braun-Stichigkeit des Gesendeten war man schon froh über den Verlauf der Geschichte. Was aber, wenn es andersherum gekommen wäre: Nicht Ost geht zu West, sondern West zu Ost – nicht 61 Jahre BRD, sondern DDR?

Diesen Gedanken spielt das renommierte Kabarett „Distel“ mit seinem aktuellen Programm „Staatsratsvorsitzende küsst man nicht“, durch: Das Ensemble aus Dagmar Jaeger, Stefan Martin Müller und Martin Nitzel ist bestens aufgelegt und auch Matthias Lauschus sowie Tillman Ritter (vom „Musikerkollektiv Roter Notenschlüssel“) sorgen für einen glatten Durchgang mit interessanten Brechungen.

Also dann – Rolle rückwärts und noch mal von vorne: Das mit roten Wink-Elementen (aus der „Servietunion“) ausgestattete Volk im Unterhaus darf jubeln und Parolen skandieren, während Klaus Kleber und Gundula Gause für die Aktuelle Kamera die Parade kommentieren: Da hat Egon Krenz Doris Krenz-Köpf geheiratet, propagiert die einstige Blockpartei CSU Blauhemd und Lederhose, hat Müntefering eine junge Pionierin geehelicht und die vollbärtige Franziska van Almsick schafft die 100 Meter jetzt in 3,7 Sekunden, während Dieter Bohlen und Florian Silbereisen Arbeiterlieder anstimmen.

Martin Nitzel propagiert den „Gästen aus Friedrich-Engels-Stadt (früher Wuppertal)“ die Vorzüge des Sozialismus, Stefan Martin Müller ist der lockige Freigeist, dem es hauptsächlich um die Ersatzteile für seinen „Smartant“ geht und Dagmar Jaeger versprüht als Neugenossin westlichen Esprit in östlicher Tristesse. Das stachelige Nummern-Kabarett der „Distel“ lässt ihren Protagonisten also viel Raum und man wird an so manche Kurisoität erinnert: 1989 beobachteten west- und ostdeutsche Polizisten gemeinsam demokratische Wahlen in Namibi – für die „Distel“ natürlich ein gefundenes Fressen, dass Nitzel und Müller mit einer Pressekonferenz feiern, in der der (west-) deutsche Schäferhund stets anschlägt, wenn Reizwörter wie Grenze, Genosse oder Pazifismus fallen.

In weiteren intelligenten Sketchen hinterfragt die ostdeutsche Siegermacht das Grundgesetz, verfügt immerhin schon über Handys mit Wählscheibe und lacht über die dilettantischen Bespitzelungsversuche von Bahn und Telekom: „Die Stasi war wenigstens erfolgreich.“ Deren Arbeit hingegen solle doch mal verfilmt werden: „Das gibt sogar einen Oscar – mit ein bisschen Mühe…“ Der buckelnde Angestellte hüben wie drüben, ein Gänsehaut-Märchen vom Land „Mauretanien“ und ein kurzes Stück im Stück, wenn Nitzel sich weigert, weiterzuspielen: „Mensch, wir haben doch an der Grenze auf Menschen geschossen!“ – das Ensemble hat oft genug richtig Biss.

Martin Maier-Bodes „Staatsratsvorsitzende küsst man nicht“ kann auch deshalb überzeugen, weil das einstige DDR-Kabarett nicht larmoyant das „Es war nicht alles schlecht“ intoniert, auch wenn ein kurzer Gedanke zu Recht anmahnt, dass es vielleicht ein Fehler war, das Gehabte unbesehen über Bord zu werfen. Interessant sind auch die retrospektiven Prophezeiungen, was gewesen wäre, wenn es anders als gespielt gekommen wäre: „Die kapitalistischen Finanzmärkte wären nach 18 Jahren kollabiert“, orakelt Funktionär Nitzel und sinniert düster: „Ossis würden sich oft wie Menschen zweiter Klasse fühlen.“

Weitere Informationen und Termine gibt es unter http://www.distel-berlin.de.

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