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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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„Machensichmafrei, bitte!“: Visite mit Dr. Stratmann

MAINZ – Kleinkunstfiguren wie Adolf Tegtmeier, Atze Schröder oder Herbert Knebel haben den Ruhrpott salonfähig gemacht, die Gratwanderung zwischen westfälischer Behäbigkeit und rheinischem Temperament auf die Kabarettbühne gebracht. Und auch Dr. Ludger Stratmann tat wohl, als er den weißen Kittel des Hippokrates an den Praxisnagel hängte und seitdem ein Kabarettpublikum konsultiert, das sich auf gesunde Weise kranklachen darf.

Jetzt spielte „Bottrop sein Doktor“ im Mainzer Unterhaus das aktuelle Programm „Machensichmafrei, bitte!“ und unternahm glänzend aufgelegt einen Ausflug „nach seine Heimat“, mittenmang ins Ruhrgebiet. Mit zertrümmertem Satzbau, verwischter Diktion und gutturalem „l“ konnte man hier manch Fallbeispiel und Kausalzusammenhang erleben, denn Genitiv und Dativ werden hier strikt nach dem Zufallsprinzip eingesetzt.

Hochtrabend mag man hier ja von einer speziellen regionalen linguistischen Disparität sprechen. Und Dr. Stratmann würde das auch verstehen. Nicht aber sein Alter Ego Jupp, der als Ruhrpott auf zwei Beinen aus seinem Leben berichtet. Eben noch hält er als Vorsitzender vom Kleingartenverein Bottrop-Batenbrock-Süd zwischen Koi-Karpfen, Grillrost und Schneckengenozid die Inventurrede über Teutonias grünen Stolz. Doch dann geht’s „wegen Kreislauf“ ab ins Wartezimmer. Und das ist proppenvoll.

Hier trifft Jupp auf viele Bekannte, mit denen er munter lästern und so manche Dönnekes austauschen kann. Da wird das Warten zum lustigen Zeitvertreib und man lernt halb Bochum kennen. Die „Omma“ zum Beispiel mit ihrer dentalen Totalsanierung hinter der tschechischen Grenze und den vierten Zähnen aus der Dritten Welt. Oder Tante Leni, die den kleinen Jupp weiland stets von oben bis unten abküsste. Und die „Perle“ Inge. Und Werner, der zu Jupps Geburtstag ganze sieben Hähnchenbollen verspeiste.

Auch ohne westfälischen Migrationshintergrund sind diese Geschichten schlicht anrührend und einfach drollig. Dr. Stratmann hat ein Talent, seine Schnurren geradezu plastisch zu erzählen. Aktuelle Themen wie die Malesse mit dem Rauchen „vonne Zarette“ werden hier quasi durch die Hintertür eingeschmuggelt und Jupp berichtet vom nikotinabhängigen Kater Max: „Früher schwarz-weiß, heute schwarz-gelb“.

Doch Ludger Stratmann ist nicht nur der „gelernte Ostwestfale“: Zu Beginn des zweiten Teils zieht der Onkel Doktor gegen die junge Generation zu Felde, gegen die „Abfindungskünstler“ und Sprösslinge, für die dümmliche Rätsel im Privatfernsehen schon Examensniveau haben.

Nein, für die handyfixierten Superstar-Anwärter, die nurmehr mit der „rudimentären Sprache einer Wellhornschnecke aus der Bronzezeit“ kommunizierten, ihre telegenen Verzieher und die daraus resultierende vorpubertäre Volksverdummung hat Dr. Stratmann nichts übrig: „Wenn ich daran denke, dass Ihr später mal unsere Rente bezahlen sollt, empfinde ich Alzheimer als natürliche Schutzfunktion.“

Hier hat sich einer aber mal so richtig Luft gemacht. Und gemessen am Applaus auch seinem Publikum aus der Seele gesprochen.

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