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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Den Horizont immer griffbereit

BAD KREUZNACH (24. März 2017). Was sagt es über einen Kabarettisten aus, wenn er ein „Best of“-Programm spielen kann und das Publikum amüsiert sich dennoch königlich? Zum einen natürlich, dass der Unterhaltungswert des Künstlers groß ist; zum anderen, dass die Aktualität seiner Gedanken ungebrochen ist. Das zeigt wiederum: Kabarett kann die Welt nicht verändern, aber den Finger immer wieder in die Wunde legen. Gut, wenn die Protagonisten dessen nicht müde werden und, wie Gerd Dudenhöffer, immer wieder zeigen, wo der Schuh drückt.

„Ich weiß gar nicht, ob ich Ihnen das schon mal erzählt habe. Bestimmt…“ Diesen Satz spricht Heinz Becker vor dem ausverkauften Kursaal des Bad Kreuznacher Parkhotels öfters. Es ist jeweils Ein- und Überleitung zu den damit automatisch zum runden Ganzen verbundenen Themenblöcken von Dudenhöffers neuem Programm, das so neu gar nicht ist und folgerichtig den Namen „Déjà-vu“ trägt. Aus 30 Bühnenjahren und 16 Programmen hat er etwas destilliert, was den Namen jedoch sogleich Lügen straft: Durch die Kombination des vermeintlich Bekannten ist tatsächlich etwas komplett Neues entstanden.

Eigentlich ist ja jede Begegnung mit Heinz Becker ein „Déjà-vu“: Kleinkariert das Hemd, die Schiebermütze auf dem Kopf, das Beinkleid durch Gürtel und Hosenträger zweifach gesichert und dazu eine Mimik wie Buster Keaton – äußerlich bietet Dudenhöffer seit Jahrzehnten eine Konstante, in der sich das enge Weltbild dieses (nur dieses?) Kleinbürgers spiegelt. Den Horizont immer griffbereit setzt Becker seine Duftmarken an brenzligen Punkten – so scharf, dass es einen nicht selten schüttelt. Doch dann wiegt Dudenhöffer sein Publikum durch Belanglosigkeit in scheinbarer Sicherheit, um es mit der nächsten Spitze fast schon physisch spürbar aufzuschrecken.

Da ist der Nachbar, an dessen Garage ein Hakenkreuz gesprüht wurde und der es sofort entfernt, denn es wurde falsch herum gemalt: „Das hätte es früher nicht gegeben.“ Da ist der Kampfhundebesitzer, dessen Pit-Bull ein Kind zerfleischte und der sich darüber beschwert, dass immer die Hunde als erstes eingeschläfert werden: „Laut Gericht hätte das Kind da gar nicht spielen dürfen.“ Da ist der seltsame Freund von Sohn Stefan, der Ballett tanzt – das Wort Homosexualität kommt Heinz nur stockend über die Lippen: „Der trägt so eine rote Schleife – ich finde das ja gut, dass man die markiert.“ Es sind Szenen wie diese, bei denen das Lachen eher Abwehrreaktion ist und heftiger Applaus zuweilen irritiert: Becker meint es nicht so. Oder doch? Dudenhöffers Spiel ist nicht selten eines mit dem Feuer.

Dazwischen wunderbar obskure Bilder, die das Kopfkino flimmern lassen: Heinz, wie er sich im Laden irrt und versehentlich einen Sex-Shop betritt; Heinz, der auf dem Klo über fehlendes Klopapier sinniert; Heinz am kalten Buffet, im Restaurant nach einem Malheur mit dem Seifenspender oder mit Zeugen Jehovas konfrontiert: „Die waren ja früher gegen die Nationalsozialisten – kein Wunder, dass heute mit denen keiner was zu tun haben will.“ Und schon hat Dudenhöffer das Steuer herumgerissen und steuert auf die nächste scharfe Pointenklippe zu.

Ob er es sich hat träumen lassen, dass sein Heinz Becker mal zum aktuellen Abziehbild des „besorgten Bürgers“ von heute und sein Kabarett mal derart politisch werden könnte? In einer Zeit, in der eine Frauke Petry laut darüber nachdenkt, Begriffe wie „völkisch“ wieder in den offiziellen Sprachgebrauch zu übernehmen, scheinen die geistigen Tiefflieger mit laufenden Motoren in den Startlöchern zu stehen. Heinz Becker kauft ja wegen des drohenden Cholesterins auch nur Deutsche Markenbutter…

Diese Kunstfigur ist schon ein seltsam geniales Konstrukt: Die geäußerten An- und Einsichten sind derart krude, dass die Übertreibung Heinz eigentlich sofort als Karikatur entlarven müsste. Und doch möchte man zuweilen laut widersprechen, was sich aus zwei Gründen verbietet: Zum einen sitzt man ja in einer Vorstellung und zum anderen würde man nur einen Bühnencharakter angreifen! Doch wen es trotzdem juckt, der sollte nicht schweigen, wenn er im richtigen Leben auf solche Kleingeister trifft: Heinz Becker lebt – vielleicht im Kollegen mit seltsamen Ansichten, vielleicht sogar in der eigenen Sippschaft. Wenn das an diesem Abend durchlebte „Déjà-vu“ zum Einspruch ermutigt, kann das Kabarett Gerd Dudenhöffers vielleicht trotzdem ein wenig die Welt verändern.

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