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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Zum Glück nicht tot zu kriegen

NIEDERNHAUSEN (19. Februar 2015). Wenn sich der Vollmond am Himmel zeigt, heult der Werwolf den Trabanten an und macht sich auf die Jagd nach humanem Frischfleisch. Bei den Bandmitgliedern der „Ersten Allgemeinen Verunsicherung“ um Frontmann Klaus Eberhartinger und Gitarrist Thomas Spitzer braucht es hierfür nur einen Bühnenscheinwerfer. Und jagen muss die seit bald 40 Jahren erfolgreiche Band auch nicht – das treue Publikum kommt immer wieder gerne.

2011 war die EAV das letzte Mal im Rhein-Main-Theater zu Gast, damals mit einer furiosen Best-of-Show. Diesmal stellen die Österreicher ihr neues Album vor: „Werwolf-Attacke – Monsterball ist überall“. Natürlich gibt es auch ein paar der alten Klassiker wie den „Ba-Ba-Banküberfall“, „Küss die Hand, Herr Kerkermeister“, „Der Wein von Mykonos“ oder „An der Copacabana“ – alles andere wäre auch eine herbe Enttäuschung! –, doch konzentrieren sich die Alpenrocker schon lange nicht mehr nur auf die intelligent getextete Blödelei.

Schon das Vorgänger-Album „Neue Helden“ war gespickt mit offen formulierten Statements zu aktuellen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft – „Werwolf-Attacke“ legt noch mal eine Schippe drauf. Wer sich schon mal darüber gewundert hat, dass sich die EAV ausgerechnet auf dem Kneipentresen des Mainzer Unterhauses neben zahllosen anderen Kleinkünstlern verewigt hat, weiß spätestens nach dieser Platte warum: Die Künstler agieren nicht nur als Musiker, sondern sind dank ihrer Texte auch veritable Kabarettisten. Auch die Bühnenshow in Niedernhausen dokumentiert dies trefflich.

Dem gesprochenen Wort räumt Klaus Eberhartinger großen Raum ein, führt hin zu den einzelnen Songs, in denen es um Themen wie Urheberrecht im Internet, Russlands Allmacht-Fantasien, Staatsbankrotte, Europa oder Islamismus geht: augenzwinkernd, das ja – aber eben mit Nachdruck. Die Nummern kommen zuweilen brachial daher – manches kann und will die EAV eben nicht mit leisen Akkorden ausdrücken.

Mit dem Mut des Hofnarren, der viel darf, aber auch stets Gefahr läuft, drangsaliert zu werden, singt der musikalische Exportschlager aus Österreich gegen große Gegner an: den „Marionettenspieler Putin“, die Gleichgültigkeit, Erziehungsfehler mit zuweilen tödlichen Folgen, wenn der Nachwuchs seine Schulklasse samt Lehrkörper ausmerzt. Dazwischen setzt die EAV klingende Pointen über die „Sado Lilly“ oder den „Lederhosen-Zombie“ – auch das sind Statements über beklagenswerte Fehlentwicklungen.

Gibt Klaus Eberhartinger den smarten Conférencier, schmilzt man beim rauchigen Bass von Thomas Spitzer, aus dessen gleichnamiger Feder nicht nur die Lieder, Texte und Albencover, sondern auch die animierten Comics stammen, die am Abend zu den entsprechenden Liedern über die Leinwand flimmern, schlichtweg dahin: Wie dieser Paolo Conte des Alpenlandes „Der oide Wolf“ intoniert schafft Gänsehaut pur. Eigentlich ist also alles beim alten und damit perfekt: kluge Reime, satte Beats, mitreißende Melodien. Doch halt: Der „Burli“ vergangener Tage hat seine Amalia verlassen: für „Mrs Fuckushima“. Leider können Lieder die Welt eben doch nicht immer verändern.

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