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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Operation Eselsohr

MAINZ (25. Oktober 2017). Für Literaten ist ein Eselsohr zuweilen ein Knick einer Buchseite links oder rechts oben, für Botaniker der landläufige Name der Stachys byzantina und für das Tier selbst schlicht sein Hörorgan. Genau nach diesem kleinen Lasttier hat der Kabarettist Wolfgang Masin sein aktuelles Bühnenprogramm benannt: „Operation Eselsohr“.

Es geht um eine zehntägige Tour, die „el mago masin“, wie sich der Künstler nennt, mit einem grauen Huftier durch die Steiermark führte. Wer hier nun einen Erfahrungsbericht erwartet, wie ihn Andy Merrifield in seinem äußerst lesenswerten Buch „Die Weisheit der Esel“ – von der Times als „Klassiker der Entschleunigungs-Literatur“ – empfohlen, formuliert hat, der wird vielleicht ein wenig enttäuscht sein. Doch das dürfte auch für den gelten, der einen derart durchstrukturierten Abend erlebt hätte – so etwas ist Masins Sache nicht.

Die Eselsdame Florentina spielt natürlich eine wichtige Rolle, ist immer wieder in kleinen Videoeinspielern zu sehen. Mit ihr war Masin unterwegs von Hütte zu Hütte, lernte interessante Menschen kennen, Aussteiger, hilfsbereite Personen, redselige Buben, trinkfeste Wanderer, musikalische Zuhörer. Alles wirkt an diesem Abend improvisiert: Da fehlt die Beamer-Fernbedienung („Andere Hose!“), da fehlt der Text – überhaupt muss Masin erstmal richtig ankommen: Gerade haben seine Zwillinge das „Seepferdchen“ gemacht. Und das ist natürlich viel wichtiger als ein Publikum, lässt er die Unterhaus-Gemeinde gleich zu Beginn wissen.

Doch genau diese Unkompliziertheit, die geradezu zelebrierte Planlosigkeit, die Lockerheit, mit der kleine Pannen überspielt werden, machen ihn aus. In einer Welt, in der oft alles genauestens geplant zu sein hat, bricht Wolfgang Masin aus und unterwirft sich auf seiner Wanderung den scheinbaren Launen eines Esels, der eben seinen eigenen Kopf hat. Ein Sinnbild für eine alternative Lebensplanung? Ein Beispiel gar? Vielleicht nicht sofort, aber ein Denkanstoß ganz sicher. Auch die Präsentation scheint irgendwie ex tempore: Auf der Wanderung war kein professionelles Filmteam dabei – Masin dokumentiert seine Erlebnisse mit der Handykamera, was ihnen umso mehr Authentizität verleiht.

Florentina trug das Gepäck, Masin die Klampfe. Mit Esel und Gitarre kam er bald mit den Menschen in Kontakt und gewann ihr Vertrauen. Man wird Zeuge der Geburt eines Kälbchens, lernt die Schweine der beiden Almwirte Hans und Ulrich kennen. Und ganz unverbindlich streut der Liedermacher seine zuweilen garstig-doppelbödigen Songs ein: von nötiger Zivilcourage, von der kleinen Asiprollfamilie, von selbstlenkenden Autos für Alkoholfahrten, Anchovis oder Bafög-Rückzahlungs-Bescheiden. Das alles ist erfrischend anders. Und deshalb wird man auch das nächste Gastspiel von „el mago masin“ besuchen – komme, was da wolle.

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