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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Erwin Grosche staunt mit großen Augen über die Wirklichkeit und andere Übertreibungen

MAINZ – Mit Kulleraugen wird das Publikum von der Bühne angestaunt. Dort steht aber kein kleiner Junge, sondern ein ausgewachsener Mann. Wobei: Erwin Grosche gehört zentimetermäßig nicht zu den Größten, wohl aber, was Niveau und Schönheit, Witz und Originalität seiner großartigen Kleinkunst betrifft.

Der Paderborner Kabarettist hat sich das Kind im Manne bewahrt und hält es durch intensiven Blickkontakt mit den kleinen Feinheiten des Lebens immer bei der Stange. „Die Wirklichkeit und andere Übertreibungen – Kurzszenen und Kleinorgien“ heißt das Programm, das zwar nicht durchweg neu, aber komplett hörens-, sehens-, kurz: erlebenswert ist.

Zum Rauchen fährt er mittlerweile mit dem Fahrrad nach Altenbeken, wo Dampfloks paffen: „Da fällt das nicht auf.“ Überhaupt Sport und Gesundheitswahn: „Ich treibe Sport, weil ich rauche“ begründet Grosche seine Fähigkeit, über sich hinaus zu wachsen: „Auch ich bin Grunde ein wildes Tier – und wenn Sie nicht zusähen, würde ich es auch…“

Seine Frau hat ihn für einen VHS-Kurs angemeldet: „Abnehmen mit Würde“, berichtet der Kabarettist: „Dabei würde ich abnehmen, wenn sie nicht so gut kochen würde.“ Die kleinen Wortspielereien tangieren gelegentlich die Grenzen von Kalau, rutschen aber nie ins Lächerliche ab. Dafür sorgt allein schon die Art des Vortrags, denn dem Künstler scheint alles, was er erzählt, recht ernst. Nur gelegentlich huscht während der Nummern ein Lächeln einem Augenzwinkern gleich über sein Gesicht – und wenn der dankbare Applaus ertönt, wird es breiter.

Wo andere laute Pointen benutzen um das oft allzu Offensichtliche zu karikieren, bückt sich Erwin Grosche und pflückt kleine Nebensächlichkeiten auf: Anhand des Geschmacks einer Zucchini erkennt er das Nichts, erzählt vom authentischen Frikadellenverzehr und erregt sich angesichts einer Frischebox für Knäckebrot über den allgemeinen Jugendkult und spricht sich selbst motivierende und Nachrichten voller Lob auf den Anrufbeantworter: „Aber mit verstellter Stimme – ich bin ja nicht blöd!“ Alles andere ist er aber schon: Ein leiser Poet, ein gewitzter Geschichtenerzähler und filigraner Sprachakrobat.

So wird sein Besuch im Münsteraner Allwetterzoo zum Desaster, weil sich die Tiere so abweisend verhalten: „Das kann ich zuhause auch umsonst haben“, wundert sich Grosche über die Investition von Eintritt und Verzehr im Wert eines Erdmännchens und an die animalischen Ausstellungsstücke gewandt warnt er: „Die müssen sich nicht wundern, wenn sie mal vom Aussterben bedroht sind.“

Da ist die Politesse, der er unmoralisches Verhalten vorwirft: „Man bestraft keinen, dessen Zeit abgelaufen ist.“ Da ist der ISDN-Anschluss, den er mit aberwitzigen Assoziationen verbindet und das Spannbetttuch, das unfaltbar „wie ein Hippie neben der anderen Bettwäsche“ im Schrank liegt.

Die Aufregung, mit der sich Erwin Grosche so herrlich aufpumpt, der schelmische Blick bei seinen „Nummern mit Anspruch“ und den Gedichten aus dem Zyklus „Heavy Metal Industrial Art“, die er an einem Miniaturflügel oder mit einer elektrischen Bohrmaschine aufführt und die stets ungläubig in die Welt schauenden großen Augen sind es, die diesen Ausnahmekabarettisten so grundsympathisch machen.

In einer weiteren Nummer, die schon älteren Datums, aber wortwörtlich brandaktuell ist, widmet er sich mit leiser Bluesmusik im Hintergrund dem letzten Raucher, für den die Möglichkeiten zu qualmen immer kleiner werden „wie die Jazzabteilung in einem Kaufhaus“: Grosche selbst hat sein Zigarettenetui mittlerweile mit Wattestäbchen gefüllt und versucht so, Partygespräche in Gang zu bringen…

Mit zwei Teigwarenpackungen raschelnd meint er, die Nudel täusche im ungekochten Zustand vor, weniger zu sein, als sie später an Portionen für eine Woche sei: „Wie ein Kind, das heimlich erwachsen wird.“ Irgendwie hat Erwin Grosche mit seiner Nudel unheimlich viel gemein – nur, dass er sich partout weigert, allzu erwachsen zu sein…

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