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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Geistige Tuchfühlung

MAINZ (21. Oktober 2017). Nur, weil das kleine Unterhaus weniger Stühle fasst als das große, ist die Bühne nicht weniger wichtig für die Kleinkunstszene. Und das nicht nur vor Ort, denn hier dürfen sich zuweilen noch unbekannte Künstler und Newcomer probieren, bevor sie den Sprung auf die große Bühne wagen – und dann vielleicht mal zigtausende Menschen in Arenen unterhalten. Ja: Auch Mario Barth („Kennste, kennste?“) bespielte einst die Bühne des kleinen Unterhauses!

Einer, der es schon längst geschafft hat – und dekoriert mit mittlerweile zwei Deutschen Kleinkunstpreisen zu den ganz großen des deutschsprachigen Kabaretts gehört –, kehrt aber immer wieder gerne genau hierhin zurück: Erwin Grosche, dessen Kunst man sich zugegebenermaßen auch gar nicht auf großer Bühne oder gar im Fußballstadion vorstellen mag, hat dem Wort Kleinkunst einen ganz eigene Begrifflichkeit geschenkt.

Vor zwei Jahren feierte er seinen 60. Geburtstag. Auch das wird thematisiert in seinem aktuellen Bühnenprogramm „Der Abstandhalter – Annäherungen an Menschen, Tiere und Dinge“. Und noch viel mehr: Es geht um den ersten Eindruck, um die Vorteile, keinen Bischof zu haben oder um Streuselkuchen, der in Grosches Augen so aussieht, als würde er noch bei den Eltern wohnen: „Wie eine Mondlandschaft ohne Gott.“

Wer, wenn nicht Grosche, käme beim Anblick eines Stückes Hefegebäck auf solche Gedanken? Und gerade deshalb liebt man ihn so – das Unterhaus ist ausverkauft – und möchte ihn am liebsten knuddeln wie einen Teddybären. Denn er, der sich wunderbar halsstarrig dagegen weht, allzu erwachsen zu werden und dadurch für den Zauber des Alltags zu erblinden, rührt auch im Zuschauer zärtlich eine zarte Saite an und bringt sie mit seinen absurden Wortspielen und Gedanken zum Schwingen.

Grosche singt, spielt Akkordeon, sitzt an einem Miniaturklavier, rezitiert mit Trost, Staunen und Bewegung, die „Trilogie der menschlichen Fähigkeiten“ und zaubert dabei aus farbigen Spülmitteln weißen Schaum. Er rät, für künftige Alkoholfahrten bereits das Führerscheinfoto in betrunkenem Zustand zu machen und wünscht sich einen Indianer, der ihm bei Beschwerden zur Hand geht und seinem Hund den Zugang zur Katzenausstellung ermöglicht, die doch erst dadurch interessant würde.

Der Künstler ist das personifizierte Augenzwinkern: Auch der tiefste Ernst wird ironisch gebrochen, dass es Funken schlägt. Dabei sind es eben die Kleinigkeiten, die oft übersehenen Details, die Grosche zur großen Nummer formt: Er sinniert über fast leere Zahnpasta-Tuben und darüber, dass das moderne Tanztheater einer Pina Bausch letztendlich vom Ausgleiten in Dusche und Badewanne inspiriert sei. Nonsens? Mag sein. Aber mit Tiefgang. Oder wie Grosche sagt: „Manchmal ersetzt die Schönheit des Reims Sinn und Inhalt.“

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