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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Ein „Jein“ wird nicht akzeptiert

MAINZ (30. Oktober 2012). Manch Landsmann hat an seiner Geschichte schwer zu tragen. Und damit meint Florian Schroeder nicht etwa die Kriegsgenerationen des vergangenen Jahrhunderts: Er selbst ist Jahrgang 1979 und findet sich damit in der Gesellschaft von Altersgenossen, deren mit Verve vorgetragenes Statement ein nachdrückliches „Jein“ ist: „Offen für alles – und nicht ganz dicht“ heißt daher auch Schroeders aktuelles Programm, mit dem er im Unterhaus brillierte.

Er ist ein genauer Beobachter gesellschaftlicher Strömungen und garniert seine An- und Einsichten mit gekonnt platzierten Parodien: Merkel, Steinbrück, Rösler, Westerwelle, der Papst – sie alle kommen wohl dosiert zu Wort, ohne dass seine Show zum platten Aneinanderreihen von vokalen Karikaturen verkommt.

Doch bevor das Programm startet, zeigt Schroeder sein Können, indem er sich an der Aktualität abarbeitet. Da ist das ZDF mit seinen wehrhaften Aktivisten, die sich gegen die Einmischungen des CSU-Sprechers Strepp wehrten, wo dieser doch nur interaktiv fernsehen wollte: „Wulff hätte gleich beim Chefredakteur angerufen.“ Hat die CSU nun ein Problem oder wird Guttenberg aus 39 Kilometern Höhe die Schallmauer durchbrechen und in Seehofers Schoß fallen? „Der kann sein Häuschen in Amerika gleich an Schavan vermieten – und Wulff kassiert die Miete in bar.“ Dann doch lieber das Nordlicht Steinbrück: „Der blieb halt übrig, weil Gabriel und Steinmeier die Nahles in Schach halten müssen.“

Doch Schroeder muss gar nicht verbal austeilen. Merkels Mimik wie Gestik kommen auch ohne Worte aus und lassen ihn glänzen: Als er Markus Lanz imitiert, wird das ganze in seiner prallen Witzigkeit gar zur Satire der grandiosen Parodie durch den Kollegen Max Giermann. Das Spiel auf mehreren Ebenen gelingt Schroeder ausgezeichnet und sorgt für Unterhaltung auf höchstem Niveau.

Doch anstatt nur zu sticheln, gerät der Auftritt auch zum Bekenntnis: „Karikaturen können keine religiösen Gefühle verletzen“, macht sich Schröder überzeugend für die eigene Branche stark: Humor dürfe alles, so lange er nicht vorsätzlich kränken wolle. Und nach Herbert Feuerstein habe ohnehin „jeder das Recht verarscht zu werden“. Und so fühlt sich auch Schroeder: Packend sinniert er über Fluch und Segen der unbegrenzten Möglichkeiten, die einen eben „offen für alles“ und damit „nicht ganz dicht“ dastehen ließen.

Schroeder hat etwas gegen die „Schorlifizierung“ des Lebens und macht den Niedergang an Brainstorming, After work-Partys, Lounges und der schönen neuen Wirtschaftswelt fest. Zwischen „Analogistan“ und „Digitalien“, der Exegese lyrischer „Silbermond“-Texte und der Einsicht, dass die gegenseitige App-Präsentation des neuen I-Phones ja doch nur „Schwanzvergleich für Leute mit Bachelor“ sei, fordert Schroeder endlich eigene Standpunkte statt nur von allem ein bisschen zu sein.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter http://www.florian-schroeder.com.

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