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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Gestern war heute morgen

MAINZ – Er ist der Mann der vielen Gesichter und verkörpert in seiner eigenen Comedy-Sendung im Bayerischen Fernsehen vom Chefkoch über den Polizisten bis zum jugoslawischen vielerlei Charaktere. Am besten aber ist er immer noch als er selbst: Günter Grünwald ist seit über 20 Jahren auf den Kleinkunstbühnen zuhause. Jetzt präsentierte er im Frankfurter Hof ein Programm mit alten und neuen, aber stets aktuellen und auf jeden Fall wiedersehenswerten Nummern.

„Gestern war heute morgen“ titelt der Ingolstädter visionär. Doch seine Komik ist weitaus bodenständiger: Hemdsärmelig und jovial redet sich Grünwald den Frust von der Seele, den das aktuelle Tagesgeschehen angehäuft hat. Dabei bedient er sich einer pikanten Mixtur aus bitterem Ernst und einem Witz, dessen Schmackhaftigkeit an eine gute bayerische Brotzeit erinnert.

Vom Erlebnis im Zug, in dem ihm ein Fahrgast – „sicher ein pensionierter Studienrat Latein und Geschichte“ – den Sitzplatz streitig macht kommt er über das Klischee des Deutschen zur Intoleranz der Religion und bricht den islamistischen Terror auf die Ingolstädter Lokalebene hinunter: „Gibt es eigentlich spezielle Geschäfte für Aufruhr-Bedarf?“, fällt ihm zur „spitzenmäßigen organisierten Fahnenverbrennung“ ein: „Wollen Sie’s mitnehmen oder gleich anzünden?“

Konzentrisch kreist er seine Pointen ein, entfernt sich mit dem Satz „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch“ wieder ein Stückchen und kitzelt die Aufmerksamkeit seines Publikums noch ein bisschen mehr, um dann wie mit einem nassen Handtuch zuzuschlagen. Toleranz ist auch Günter Grünwald wichtig, genauso freie Religionsausübung: „Aber bitte leise.“ Seine Religion schreibe ihm zum Beispiel vor, sich immer mit einer genagelten Dachlatte aufs Knie zu hauen: „Aber das machen wir dann bei geschlossenem Fenster.“ Warum diese Gewalt? „Wir hinterfragen nicht – deshalb ist das ja Religion.“

Geschickt verbindet Grünwald den gutwilligen Witz mit schwarzem Humor, der gespickt ist mit aufrichtigen Statements: In seiner Nummer für Gewebeband und gegen Neonazis mimt er einen Hitler, der an Bruno Ganz und Charly Chaplin heranreicht. Er gibt den besoffenen Hausmeister auf einer Adventsfeier im Altersheim und mokiert sich gewitzt über die moderne Kommunikation: Wo er sich früher – „am Lindenbaum am Brunnen vor dem Tore“ – noch von Angesicht zu Angesicht unterhalten habe, hört er heute nur noch mobile Dialoge wie „Hallo Chiara, hier ist die Chayenne.“

Ob Katzenklappe mit Türsteher oder Zeugen Jehovas, korkender Wein im Frankreichfeldzug oder Erotik-TV mit gesundem Menschenverstand betrachtet: Günter Grünwalds burschikoser Humor erweist sich als äußerst kompatibel – gestern, heute und morgen.

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