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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Genussvoller Stilbruch

MAINZ (3. Mai 2017). Wie bei anderen Ausnahmekünstlern, die bewusst nicht nur aus dem Rahmen fallen, sondern mit großem Satz springen, wäre am Beginn der Vorstellung eine kleine statistische Erhebung interessant: Wer erlebt „Anna Mateur“ zum ersten Mal?

Denn Anna Maria Scholz, wie die imposante Künstlerin mit bürgerlichem Namen heißt, ist erfrischend anders, was ihr 2008 den Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Chanson einbrachte. Angesichts manch leerer Unterhaus-Reihen ist sie indes offenbar noch immer ein Geheimtipp.

Wenn Scholz also das nächste Mal in Mainz ist, sollte man sich das Spektakel nicht entgehen lassen, denn die Künstlerin pflegt den musikalischen Vortrag, dass es eine Lust ist. Auch im aktuellen Programm „Protokoll einer Disko“ bricht „Anna Mateur“ mit allen Stilvorlagen und schneidert sich aus den Trümmern neue auf ihren kraftvollen Resonanzkörper. Ihr Instrument ist dabei (neben einer Blockflöte) eine Stimme, die einer vokalen Persönlichkeitsspaltung gleicht: Mit mächtiger Röhre wird gesungen, geschrien, geröchelt und geraunt, man hört das rauchige Timbre einer Billy Holiday oder Janis Joplin, eine wilde Mixtur aus Tina Turner und Trude Herr (die am Folgetag 90 Jahre alt geworden wäre).

Im Gepäck hat Scholz vor allem eigene Songs, in denen sie die Männer bezirzt, sie würde sich so gerne von ihnen essen lassen, als schmachtendes Girly einen Superstar anhimmelt oder mit Hip-Hop von Meerschweinereien an der Telefonhotline singt. Ebenfalls als Ohrwürmer nagen sich gut gemachte Coverversionen wie Frank Zappas „Dancing fool“ oder „Daddy cool“ von Boney M. ins Gedächtnis – und auch die Choreografie wird man so schnell nicht vergessen.

Begleitet wird die Sängerin dabei von den genialen Gitarristen Kim Efert und Samuel Halscheidt – prickelnde Gruppendynamik inklusive. Harmonie gibt es natürlich auch zur Genüge – und zwar in C-Dur samt bildlicher Darstellung durch Tisch mit Decke auf gekämmten Teppichfransen mit Gerbera drauf: TÜV-geprüft, sicher und sauber – doch wehe, ein Fis durchkreuzt das heimelige Stillleben.

Der Abend ist kunstvoll geplant und vor „Mad world“ von „Tears for fears“ verliest die gebürtige Dresdnerin Scholz als „besorgte Bürgerin“ einen Aufruf der „Kameradschaft Pirna“ gegen die Anpflanzung von Palmen und die Gefahr des Kokosnussanbaus auf deutschem Grund und Boden. Ebenfalls herrlich bissig ist der Song über die Youtube-Channels, in denen irgendwelche Niemands um Aufmerksamkeit betteln, indem sie über den Staub im Wohnzimmer berichten.

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