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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Deutliche Worte im bayerischen Dialekt

MANZ (8. November 2014). Eigentlich hätte ja sein Namenszug die Bühne schmücken sollen: erhaben, glitzernd, dreidimensional. Aber es hat nicht sollen sein. Und so steht Günter Grünwald hemdsärmelig vor seinem Publikum im ausverkauften Frankfurter Hof. Bereits der erste Gag ist bezeichnend: Etwas fehlt, doch Grünwald erzählt davon in so kraftvoller Sprache, dass selbst das Absente etwas Plastisches bekommt.

Dabei wäre fast genau das schief gegangen: Wie andere Wirtschaftszweige hat auch Grünwald outgesourct und lässt seine Kabarettprogramme jetzt billig im Osten schreiben. Zwar ist er sich sicher, dass der Tscheche den Auftrag an den Rumänen, der an den Bulgaren und der wiederum an den Tschetschenen weitergibt, aber es klappt: Was er bekommt, ist allerdings auf Tschechisch und entpuppt sich als eine slawische Übersetzung der Bibel.

Bestellt hatte er „schräge Nummern“ – und bei näherem Hinsehen hat der Tscheche in den Augen des Ingolstädters genau das geliefert: Im breiten Dialekt spielt der Ingolstädter die alttestamentarische Opferszene mit Abraham und Isaak, so dass einem kurz die Idee eines Bibelhörbuchs mit Grünwald als Sprecher kommt. Alles ist wieder so plastisch!

Schnell ist man mittendrinn im Programm „Da sagt der Grünwald Stop“. Und irgendwie scheint alles unter einem biblischen Motto zu stehen, heißt es doch dort, dass dem, wessen Herz voll ist, der Mund übergeht. Genau das passiert an diesem Abend, denn Grünwald ist dafür bekannt, nicht mit dem kabarettistischen Florett zu fechten, sondern den grobschartigen Säbel zu wählen. Das tut er mit sattem Duktus, wobei er nicht an Kraftausdrücken spart.

Allerdings benutzt er hierbei einen genialen Trick, der immer wieder funktioniert, ja nach dem das Publikum förmlich lechzt: Grünwald redet sich in Rage und steigert sich in die erste Beleidigung hinein. Das „Drecks-Handy“ eines Mädchens beispielsweise wird sofort zurückgenommen und immer wieder scheint der Mime die verbale Entgleisung tatsächlich zu bereuen – bis klar wird, dass es nur der zu schwache Ausdruck war. Und schon ballert die bayerische Schimpfkanonade aus allen Rohren auf das mobile Telefon und seine Benutzerin.

Beste Laune also im Frankfurter Hof, das Auditorium biegt sich vor Lachen und tupft beständig Tränen aus den Augenwinkeln. Da schildert Grünwald eine Bahnfahrt, während der er den Waggon mit einem barfüßigen Bodybuilder teilt, der seine hornhäutigen Quanten immer wieder in den Gang streckt; hinzu kommen verschwitzte Bauarbeiter, die Dosenbier und Döner vertilgen sowie Teenager, die ins Handy blöken. Und als das alles noch von einem sächselnden Schaffner getoppt wird, entsteht vor dem inneren Auge des Zuhörers ein Bild brueghelscher Intensität.

Man lernt auch etwas an diesem Abend: Der legendäre Maya-Kalender, der für 2012 den Weltuntergang prophezeite, war gar nicht indianischen Ursprungs – er stammte von Reifen Maier und zeigte unbekleidete Grazien. Darüber muss einer wie Günter Grünwald „kurz, aber leise aufschmunzeln“ – das Publikum jedoch ist begeistert von diesem Mann, der es versteht, brachial und trotzdem kunstvoll draufzuschlagen.

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