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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Zynisch und gut

MAINZ (8. Dezember 2011). So richtig motiviert ist er nicht: Auch im Patchwork-Abend „Hader spielt Hader“, der sich im Frankfurter Hof aus seinen letzten fünf Programmen speist, gibt sich der Österreicher behäbig und lustlos – was anderes hätte auch irritiert. Doch langweilig oder gar gehaltlos wird die Vorstellung dadurch keineswegs: Die Schnoddrigkeit als Markenzeichen lässt das Geschilderte im Unscharfen – ein kleiner Geniestreich, denn man weiß nie, ob dieser Josef Hader nun Hader ist oder eben nur spielt.

Gleichviel: Er ist ein großartiger Mime! Das hat er nicht nur in Verfilmungen der Krimis von Simon Brenner oder gemeinsam mit Alfred Dorfer in „Indien“ gezeigt. Mit der gleichen Akkuratesse gibt Hader auch den Kabarettisten, der grandios Geschichten erzählen kann: In Wien erblickt er eine Bananenschale, die er weiträumig umgeht, um nicht in die Comedy abzurutschen („Bäh!“) – doch ein Hundehaufen dahinter lässt ihn in die von Hundertwasser ausgemalte Kanalisation stolpern, in der er sich mit Fäkalien unterhält, die ihn an die FPÖ erinnern. Sein Weg führt ihn weiter mitten in die Hölle, wo er in einer Sauna auf Hitler, Stalin sowie „eine Reihe Päpste“ trifft und mit dem Teufel spielt: seine Seele für erfolgreiche Kritiken in einer großen süddeutschen Zeitung. Und so geht es weiter, bis er in Australien auf einen Wiener Reisebus voller Lemminge trifft.

Ob im gesprochenen oder gesungenen Wort: Hader liebt das Absurde. Dabei jongliert er gekonnt die Stimmung: „Jetzt ist sie gerade wie 1914. Oder eher 1939: gedämpfter Optimismus.“ Mit bissigem Zynismus tänzelt Hader mutig an den Grenzen des Geschmacks, spielt gekonnt mit Klischees und Vorurteilen: „Das sind alles gelebte Erfahrungen – anderer.“ Am Buffet einer Benefizveranstaltung für zuckerkranke Kurden fragt er nach türkischem Honig und vermutet, dass die hohe Lebenserwartung der Griechen an deren hohen Pensionen liegt. „Wir Kabarettisten müssen Ihnen sagen, wer Schuld ist“, erkennt er die Mission gegenüber seinem Publikum („älterer Mittelstand und halbintellektuelle Berufsjugendliche“), dem er unterstellt, es liebe Zanderfilet auf Rucola und Wein vom Ökowinzer: „Brutal über Leichen gehen – aber mit Bioresonanz.“

Das Auditorium nimmt’s gelassen und amüsiert sich königlich über das Tiefschwarz dieses Humors. Anhand des Erdbeerjogurts erklärt Hader die Unzulänglichkeit der Demokratie und gibt einen Crashkurs in griechischer Philosophie. Als er die Knabenliebe erwähnt, registriert er „erleichtertes katholisches Auflachen“ und beim Bauernstand lobt er den familiären Zusammenhalt, auch wenn der in Österreich zuweilen unter Tage gefestigt werde.

Bei diesem Künstler ist man sich eben nie sicher, von wo der Schlag kommt. Aber er kommt mit vernichtendem Sarkasmus: Ehe, Kinder, Liebe oder Akropolis – alles ist für ihn stets „ein bisschen kleiner und dreckiger als im Prospekt. Das Leben verliert, indem man es kennenlernt“, sagt er. Und bringt einen darüber zum Lachen.

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