Start

Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

Service

» Kleinkunst

Hagen Rether spielt Kabarett, das die Sinne schärft

MAINZ – Der eine tobt wie ein Springteufel über die Bühne, der andere echauffiert sich innbrünstig über den umnachteten Zeitgeist – all das ist die Sache Hagen Rethers nicht: Wie ein resignierter Stammtischbruder auf hohem Niveau sitzt er am Flügel und sinniert in ein imaginäres Glas schweren Rotweins immer wieder über die gleiche Frage: „Was rege ich mich eigentlich auf?“

Stimmt, ändern wird ein Auftritt Hagen Rethers an den großen und kleinen Problemen und Ärgernissen in Politik und Gesellschaft nichts. Oder doch? Denn ein Abend mit dem Essener Kabarettisten schärft die Wahrnehmung ungemein – allerdings auf brillant amüsante Art.

Die Schlagkraft von Rethers Humor die ist gewaltig. Nach wie vor sind Papst und Kirche eine beliebte Projektionsfläche von Rethers Eulenspiegeleien: Mit dem panzerverglasten Papamobil hinterfragt er das Gottvertrauen des göttlichen Stellvertreters, karikiert die „zornigen alten Männer“ und geißelt das verschrobene und doch akzeptierte Frauenbild Roms. Billige Blasphemie? Nein, kerniges Kabarett: „Die hatten 2000 Jahre Zeit, aus der Botschaft etwas zu machen – da werden doch noch 20 Minuten für eine Gegendarstellung sein.“

Hart geht er auch mit den teils abgewählten und wieder zu Ehren gekommenen Politikern ins Gericht. Für ihn ist Stoiber ist „ein Freigeist im Wortsinn“ und Bin Laden hat so viel mit dem Islam zu tun wie Schäuble mit der inneren Sicherheit: „Dieses Spiel funktioniert doch nur mit voller Buxe.“

Das Programm „Liebe“ baut auf gewissen, immer mehr oder weniger gleichen Themenblöcken auf, wird aber ständig aktualisiert: Afghanistan? „Da läuft jetzt die dritte Staffel vom Demokratisierungsprozess, reloaded sozusagen.“

Und plötzlich wechselt der leichtfüßige Spott in tiefgründige Gedanken: Anhand von Illustriertentitelbildern dokumentiert Rether, wie man hierzulande mit vulgärer Propaganda die Angst vor dem Fremden schürt: „Wir haben einen neuen Juden: den Moslem.“ Solche scharfen Sätze schmerzen ob ihres Wahrheitsgehalts, aber zynisch sind sie nicht: „Wurst im eigenen Darm und Gesichtsmortadella – das ist zynisch!“

Hagen Rether ist bei allem Witz eben deutlich und direkt: „Die Demokratie zerbröselt uns zwischen den Händen und Schäuble pustet noch mal rein.“ Fingerabdrücke im Pass? „Das macht doch heute nichts! Aber wer weiß, welche Regierung wir in 20 Jahren haben?“ Über solche Fragen lohnt es sich nachzudenken!

zurück