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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Hanns Dieter Hüsch zum 90.

MAINZ (6. Mai 2015). Irgendwie ist er allgegenwärtig im Unterhaus – nicht nur, wenn die Glocke den Beginn der Vorstellung einläutet. Sein Konterfei ziert Plakate und Fotos und sein „guter Geist“ weht beständig durch die Kleinkunst-Katakombe: Hanns Dieter Hüsch, der am 6. Dezember 2005 verstorbene Kabarettist, wäre am 6. Mai 90 Jahre alt geworden. Ihm zu Ehren traten die Kollegen Franz Hohler und Erwin Grosche mit einer bewegenden wie unterhaltsamen Hommage auf.

Beide hatten hierfür Texte von Hüsch und eigene Nummern ausgewählt – eine poetische Collage, die an Aktualität nichts eingebüßt hat, ein Erinnern, ohne ins Anekdotenerzählen zu verfallen: Da sind Hagenbuch und Frieda, da wandelt einer „auf der Suche nach dem Gemüt“, will „Clown sein, kein Held, ein klitzekleiner Spaßmacher inmitten einer bitterkalten Welt“. An der Ecke will er steh’n, um „ein Scherzo auf die Straße zu streuen“ – Hüsch als Poet der kleinen Dinge, die humorig-tiefsinnig plötzlich Bedeutung bekommen: ein Teebeutel, eine Papierschwalbe.

In Dialogen, Rezitativen und Reminiszenzen gedenken Hohler und Grosche des Freundes und Vorbilds. Ein Zwiegespräch mit Gott im „Zwischenhimmel“, wo alle ihre eigene Sprache sprechen und sich doch verstehen und in „rigoroser Unvoreingenommenheit“ eine „neue Lebensqualität“ erschaffen – Hüsch, der kritische Menschenfreund, der mahnende Versöhner. Den Künstlern gelingt ein fesselnd intimer Abend – durchaus mit Gänsehautmomenten: Als Grosche das berühmte „Abendlied“ anstimmt und Hohler über das „Phänomen“ (des Faschismus) sinniert, da ist es, als sei Hüsch leibhaftig auf der Bühne, obwohl die Kollegen die Texte und Lieder mit eigenem Duktus vortragen.

Lieblingsgedichte und -geschichten werden rezitiert und man merkt den Protagonisten die Freude an, sich gemeinsam mit dem Publikum zu erinnern. Hüschs „Liedermacherlied“ als Replik auf den Vorwurf, nicht politisch genug zu sein, beantwortet Hohler mit der Geschichte vom „Liederhörer“, der als einziger seiner Art den Horden von Liedermachern lauscht. Am Schluss lesen beide bis dato unveröffentlichte Texte aus der Zeit, in der Hüsch nach seinem Schlaganfall 2001 das Sprechen neu erlernen musste – ergreifende Momente.

Vom Philosophen Thomas Morus (1478-1535) stammt der Ausspruch, Tradition zu bewahren bedeute nicht, die Asche anzubeten, sondern die Glut weiterzutragen. An diesem Abend gedachten Franz Hohler und Erwin Grosche zweifelsohne der „Asche“ – und mit ihnen das Unterhaus-Publikum. Doch es gibt zum Glück genug Kleinkünstler, die die „Glut“ weitertragen: Anna Maria Scholz alias Anna Mateur, Jochen Malmsheimer, Jess Jochimsen Marco Tschirpke oder Marc-Uwe Kling, um nur einige Namen zu nennen – nicht zu vergessen Kai Magnus Sting, von dem Hanns Dieter Hüsch selbst sagte, er sei ein „Bruder Lustig im Geiste“. Diese Auszeichnung verdient zum Glück nicht nur er, denn Hüschs Vermächtnis lebt weiter.

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