Start

Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

Service

» Kleinkunst

Heinz Becker: gemein, aber ohne böse Absicht

MAINZ – Jeder hat sein Tabu, bei dessen Bruch er selbst im Kabarett empfindlich die Luft durch die Zähne zieht. Das weiß auch Gerd Dudenhöffer, wenn er seinen Heinz Becker sich durch die deutsche Hochsprache mäandern lässt und dabei so manche Wunde schlägt – freilich ohne bösen Willen.

„Ohne Kapp – undenkbar“ heißt das aktuelle Programm, mit dem Dudenhöffer im Mainzer Unterhaus wieder den Tellerrand des deutschen Michels in weite Ferne rückt. Und so, wie Heinz Becker seine Kappe braucht, kann und will man ihn sich gar nicht ohne seine bombenfest gefügten Vorurteile und biedere Ignoranz vorstellen: In der Übertreibung liegt bei Becker die Kraft – und somit die Lizenz, zu allem seinen Senf dazuzugeben – sei er noch so scharf.

„Natürlich muss man Behinderte integrieren – aber eben untereinander.“ Oder: „Die Alice Schwarzer hat die Frauen aufgestachelt; und die Männer können jetzt sehen, wie sie sie wieder in die Richtung kriegen.“ Selbst der Antisemitismus, diese „Träne im Knopfloch“, hat seine Randbemerkung: Jede Nation habe schließlich ihren Schandfleck – bei den Holländern seien es die Wohnwagen.

Das „Stück“, in dem Dudenhöffer seinem Heinz die Hauptrolle gegeben hat, spielt im Nebenraum einer Gaststätte, in der gerade eine Kommunionsfeier tobt. Dieser Rahmen bietet dem flüchtigen Becker eine gute Gelegenheit, Geschichten und Gerüchte über das Personal seines kleinen Kosmos zu erzählen – staubtrocken wie das Ambiente jener Kneipe. Gefragt nach einem empfehlenswerten Krankenhaus nennt er das städtische, um ganz nebenbei nachzusetzen: „Da ist meine Schwiegermutter gestorben.“

Zu jedem Thema hat Becker seine „fundierte Meinung“: Islamistischen Selbstmordattentätern solle man nach dem Anschlag „den Arsch versohlen – wenn man ihn dann noch findet“. Und konfessionelle Mischehen würden nur noch „von dem da, was die da jetzt ermöglichen“ getoppt, schleicht der garstige Saar-Export wie die Katze um den heißen Brei: „Wo Männer und Frauen getrennt heiraten.“ Und was ist mit Sex im Alter? Da antwortet Heinz mit einer rhetorischen Gegenfrage: „Ja haben die zuhause nichts zu tapezieren?“

Es sind diese Notizen aus der geistigen Provinz, die in ihrer Fülle ein bizarr böses Bild des Brandstifters ohne Streichhölzer zeichnen. Wo sich eben noch ein leiser Widerspruch regt, wird er durch den nächsten Knalleffekt schon wieder abgewürgt: „Der Krämer-Dieter hat jetzt eine Negerin; nein, nicht gewonnen – gekauft. Irgendwo auf dem Schwarzmarkt.“ Doch er habe ihr klar gemacht, dass sie bei sich zuhause nicht nur keine Rechte, sondern hier jetzt auch Pflichten habe: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit erkannt.“

Nichts zu lachen haben in der engmaschig umzäunten Welt Beckers jegliche Minderheiten: „Vor allem Indianer und Frauen.“ Ein Freund von ihm findet es falsch, dass man Frauen nicht schlagen darf: „Wie beim Hund, wo man ‚Pfui‘ sagt.“ Da lobt sich der Stammtischbruder im Geiste doch das Zölibat: „Wo Pfarrer nicht heiraten müssen. Oder wie man auch sagt: Gottes Segen.“ Seine Hilde indes ist das Spiegelbild des gehässigen Mannes: die alles erduldende Frau.

Aber hinter dieser schroffen Fassade verbirgt sich ja nur die Hilflosigkeit eines durch seine Angst vor allem Fremden und Unbekannten gelähmten Germanen. Dass man hier eine Karikatur vor sich hat, erlaubt einem zum Glück, sich auch über den derbsten Scherz zu amüsieren.

Das Weltbild des Heinz Becker ist fest einbetoniert und würde selbst durch einen atomaren Volltreffer nicht ins Wanken geraten. Doch mit der selbstverständlichen Überheblichkeit des Autowasch-Fetischisten und Gartenzwergsammlers hält Dudenhöffer seinem Publikum auch einen Spiegel vor und man erinnert sich halb scherzhaft halb schmerzhaft vielleicht an die eine oder andere Leiche im heimischen Keller: den renitenten Opa oder einen sturen Herrn Papa, die vielleicht immer noch glauben, dass die Umweltverschmutzung durchs Ozonloch abzieht…

zurück