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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Das Badesalz in der Suppe

MAINZ – Als Gerd Knebel, die eine Hälfte von „Badesalz“, in der vergangenen Spielzeit erstmals solistisch im Unterhaus gastierte, war klar: Es funktioniert. Knebel ist der Hau drauf-Typ, der ohne Gnade ansprechend patzig seine Pointen platzieren kann. Jetzt zog sein Duo-Partner Henni Nachtsheim nach: Mit „Den Schal enger schnallen und in die Ohren spucken“ veranstaltete er jetzt eine „Lesung ohne Lesen“. Dass die eher intellektuelle Komik des einen ohne ihren groben Widerpart vergleichsweise schwierig zu spielen ist, weiß auch Nachtsheim und verzichtete wohlweislich darauf, „Badesalz light“ zu spielen.

Bei Nachtsheim geht es um Fußball, doch spielt er sein Spiel derart souverän, dass auch Menschen außerhalb des Stadions herzlich über seine Geschichten lachen können. Als Kolumnist diverser hessischer Zeitungen macht er sich seine Gedanken um den Ball der Bälle – und vor allem: das Drumherum. Des Lebens Vorlagen aus Vergangenheit und Gegenwart verwandelt er gekonnt in Treffer, wobei ihm seine Fertigkeit, stimmlich alle möglichen Hessen-Charaktere zu spielen, Tür und Tor zum Herzen seines Publikums öffnet – ein bisschen „Badesalz“ in der Suppe erwartet man ja doch – und bekommt es wohl dosiert und wohlschmeckend ins Ohr gerieselt.

Ausgangspunkt seiner verzweigten Geschichte ist der Besuch eines Engels, der sich in der Tür geirrt hat, und seinen Auftrag der Einfachheit halber mit ihm erledigt: Drei Wünsche hat Henni frei, muss damit aber andere Menschen glücklich machen. Der wünscht sich als erstes die „Anerkennung des Hessen“, möchte Pate einer Benefiz-Aktion sein und das Nacktfahrradrennen zur olympischen Disziplin erklären. Für den Gutmenschen gibt es einen Bonus-Wunsch und der gilt einem gebundenen Belegexemplar seiner Kolumnen. Öfters kommt das Buch „Den Schal enger schnallen und in die Ohren spucken“ in dieser „Lesung“ denn auch nicht vor.

Stattdessen entlarvt Nachtsheim das Expertentum an der Trinkhalle, erinnert sich an traumatische Kindheitserlebnisse und wirft prickelnd ironische Blicke auf den Fußball, der wie ein roter Faden durch sein Programm rollt. In Videosequenzen sieht man einen in torträchtige Spielszene hineinmontierten Nachtsheim jubeln und auch sonst hat der Kicker den Dunstkreis der Umkleidekabine auf dem Kieker. Doch auch im Abseits findet der Vorzeige-Hesse immer wieder Themen, zu denen er gerne abschweift und die er selbstironisch anreißt.

So überzeugt Henni Nachtsheim als babbelnder Kommentator auf hintergründige Weise und beweist, dass „Badesalz“ aus zwei Komponenten mit jeweils eigenem und vor allem überzeugendem Witz besteht.

Das Buch „Den Schal enger schnallen und in die Ohren spucken“ von Hendrik Nachtsheim ist im Societäts-Verlag (ISBN 9783797310941) erscheinen uns kostet 12,80.

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