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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Ein Herz für Gisela

MAINZ (13. März 2017). Eine Fliege kann schon ganz schön lästig sein. Doch was ist noch schlimmer? Ganz klar: Wenn sie hessisch spricht! Und genau das tut das Insekt, dass Henni Nachtsheim eigentlich mit der zusammengerollten Postille – „Ein Herz für Tiere“ – ins Jenseits befördern wollte. Aber halt: Wer so charmant um Erbarmen bittet, den lässt man gleich bei sich wohnen. Und weil das Insekt noch keinen Namen hat, bekommt es jetzt einen: Gisela.

Bis der Kabarettist aber so weit ist, holt er aus. Denn warum heißt die Fliege Gisela? Ganz klar: Sie raucht und nervt. Wie die gleichnamige Tante. Und überhaupt erinnern ihn Fliegen immer an die eigene Sippschaft, die seinerzeit zweiwöchentlich komplett zum Essen ins Elternhaus nach Neu-Isenburg einfiel: Elvis-Imitator Onkel Karl-Heinz, „Drehbuch-Charly“, Onkel Arthur, der frühere Proktologe Hitlers, oder „Porno-Paul“ mit der erotischen Stimme. Man könnte dieses Panoptikum der „Hesslichkeit“ [sic!] noch lange betrachten.

Womit man auch schon bei der erfolgreichen Masche Nachtsheims ist, mit der er das fortführt, was er einst zusammen mit Gerd Knebel bei „Badesalz“ zur Perfektion getrieben hat: einfach mal dumm daherbabbeln. Doch der Gag, der vorher mit der scharfen Beize des hessischen Dialekts bepinselt wurde, zeigt dadurch eine humorige Maserung, die herrlich kitzelt. Man selbst krümmt sich vor Lachen wie der Herr neben einem und die Dame zwei Reihen vorne kippt kichernd fast vom Stuhl: Über den schlauen Vogel, dessen Intelligenz Familie Nachtsheim irgendwann auf die Nerven ging („Rabe schmeckt nicht wie Hähnchen.“) oder das hessische VHS-Angebot mit Duftkerzen aus gegorenem Handkäs‘, Malen mit Grüner Soße oder Töpfern mit Odenwälder Leberwurst.

Schon „Badesalz“ erwies sich auch und vor allem in der Plattitüde als genauer Beobachter des Alltäglichen, um es dann, verbal zur Groteske geformt, der Lächerlichkeit preiszugeben. Das geschah zuweilen knackig dumpf, zuweilen mit feinem Federstrich. Nachtsheim neigt als Solist eher zu Letzterem und gefällt daher auch als einfühlsamer Geschichtenerzähler: Seine Erfahrung mit der Kassiererin eines Berliner Kinos erinnert an die wunderbar realistische Darstellung eines Horst Evers und als der Kabarettist von seinen Kindern berichtet – dem Blogger Max, der tätowierwütigen Jascha und der pubertierenden Lucie –, bekommt das Geschilderte bei aller komischen Wucht etwas Herzlich-Weiches. Und mittendrin: Gisela. Als Konstante bindet sie die einzelnen Blöcke zusammen, denn sie dient Nachtsheim, der sie im (auf der Bühne stehenden!) rosafarbenen Barbie-Puppenhaus seiner Töchter einquartiert hat, als Testpublikum.

Der Abend vergeht wie im Fluge, so dass man gar nicht registriert, dass er im Gegensatz zu einem dramaturgisch fein aufgebauten Kabarettprogramm eher grob zusammengesetzt ist. Natürlich ist Nachtsheims Fußballaffinität Thema: „Die Eintracht zu lieben ist wie auf den Malediven einschlafen und in Nord-Korea aufwachen“, beschreibt er die wechselnden Gefühlswallungen eines Fans, untermalt von unterhaltsamen Einspielern wie einem Zusammenschnitt der Video-Kolumne „Hennis Eintracht-EKG“.

Zwei Mal „schmeckt“ man das „Badesalz“ besonders: in der Zugabe, in der Nachtsheim ein Gespräch zweier Damen im Altersheim wiedergibt, und gleich zu Beginn, als er erklärt, warum sein Auftritt mit Showtreppe, 284 aserbaidschanischen Tänzerinnen, Tigern mit rektalem Feuerwerk, Orchester und einem auf einem Elefanten reitenden Peter Maffay gestrichen wurde – später hört er am Telefon jedoch, wie der gemeinsame Manager Hans Emmert das alles mit Gerd Knebel realisiert.

So bunt und vielseitig wie die einzelnen Nummern jeder „Badesalz“-CD ist auch der Solist Henni Nachtsheim. Und bei jeder Fliege, die man zukünftig summen hört, sollte man genau hinhören, ob sie hessisch brummt: Vielleicht handelt es sich ja um die aufgetaute Gisela, die Nachtsheim eingefroren hat, um dereinst das im Schnitt 28-tägige Dasein einer Calliphora verlängern zu können…

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